Lose Blätter. Zeitschrift für Literatur
 

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Heft 40 »Sie werden weniger, denn die Zeit ist ihnen keineswegs günstig. Schnelle Informationen hier, teure Editionen da. Und die Zeitschriften dazwischen, immer auf Zuschüsse angewiesen. Denn sie sind in der Herstellung aufwendiger, als man es ihnen ansieht. Mit Zeitschriften ist kein Geschäft zu machen. Sind literarische Zeitschriften also endgültig ein Auslaufmodell, zum Aussterben verurteilt wie der Brief in Zeiten der E-Mails? Aber ist er das überhaupt, oder geht er in die Emigration derer, die ihn als Form auch weiterhin pflegen werden? Als gewollte Form einer Minderheit, als Zeichen gegen die Zeit und als Liebhaberei natürlich auch. Die Nachfrage nach Literaturzeitschriften ist begrenzt, wer kauft schon diesen Zwitter aus Zeitung und Buch zum Preis eines Sammelbandes? Und doch gibt es eine Poesie der Zeitschrift, die sie von jedem Sammelband unterscheidet. Es ist der Charme des Provisorischen, des Vorläufigen, des Gedankens mitten in seinem ungewissen Flug, der an Zeitschriften so anziehend zu wirken vermag. Nicht für den Tag und nicht für die Ewigkeit gemacht zu sein, sondern der Zeit eine Schrift zu geben, das schafft ihr eine Kontur: Werkstatt der Formsuche in einer konkreten Situation, aber über diese hinausweisend.
   Fundgrube oder Steinbruch, die Losen Blätter haben es immerhin zehn Jahre geschafft, da bleibt etwas. So wie ich auch die Sinn und Form der ersten zehn Jahre ab 1949 im Regal stehen habe – und immer wieder darin blättere, um Neues in diesen alten Heften zu entdecken. Wer wissen will, wie es um die kulturelle Lage der Nation in bestimmten historischen Konstellationen bestellt war, der blicke in Zeitschriften. Es sind nicht nur spezielle in einer Zeit geführte Diskussionen, die man hier findet, es ist auch der Stil dieser Zeit, die geistige Atmosphäre, die Art ihres Ausdrucks. Neben Gedichten von Lutz Seiler, Jan Wagner, Peter Rühmkorf und Richard Pietraß findet sich Prosa von Marcel Beyer, Robert Menasse und Ingo Schulze im letzten Heft der Losen Blätter. Und immer wieder geht man in einer Zeitschrift auf die Suche, ja auf die Jagd nach dem Text, der gerade jetzt zu einem passt. Hier ist es Durs Grünbeins Dankesrede zum Berliner Literaturpreis: ›Der große Bluff. Eine Berlinade‹. Da bekommen wir dann einiges über das ›westöstliche Sumpfgebiet aus lauter Frühstückscafés und Hinterhofklitschen‹ zu hören, diesen ›Sack, in den seit Jahrhunderten alles mögliche hineingestopft wurde, viel Geschichtsgerümpel und jede Menge urbaner Plunder‹. Zum Glück hat der Sack ein Loch. Und da zeigt sich der besondere Ton, jene leise, aber unübersehbare Distanz zu den Maßstäben des Tages, hinter denen immer ein unsichtbares Fragezeichen zu stehen scheint: ›In Berlin braucht man keine großen Reden zu schwingen, um sich bemerkbar zu machen, es hätte ohnehin keinen Zweck. So wenig wie die Stadt muß sich der Mensch hier verstellen. Dank dieses zweifelhaften Privilegs wird er hier sogar leichter kenntlich: der heutige Restmensch, der knochentrockene Zeitgenosse, das ausgebrannte moderne Subjekt mit seiner Sparflammen-Ethik, seinem alltäglichen moralischen Minimalismus.‹«
Gunnar Decker, Neues Deutschland (Berlin), 20. August 2007
 
»Eines der intelligentesten Periodika der jungen Literaturszene verabschiedet sich von der Zeitschriften-Bühne. Nach zehn Jahren stellt die Berliner Zeitschrift Lose Blätter ihr Erscheinen ein – und demonstriert mit der Schlussnummer, dem aktuellen Heft 40, noch einmal ihren außerordentlichen Rang. Auch in diesem Heft ist Lutz Seiler vertreten, mit zwei intensiven Gedichten, in denen zwei seiner Schlüsselwörter aufscheinen: die ›Müdigkeit‹ und die ›Schwere‹. Daneben liefert Durs Grünbein in seiner Dankrede zur Verleihung des Berliner Literaturpreises eine schöne Definition des modernen Lyrikers: Dichter und Denker sind für ihn ›verlorene Wissenschaftler, die ohne Fußnoten arbeiten‹. Die Poesie erscheint aus solcher Perspektive als eine ›Wissenschaft, die das Abschiednehmen lehrt, sich in Formen des Zugrundegehens bewährt‹. Das klingt nach einer sehr melancholischen Aufgabenzuweisung an die Literatur. Aber Grünbein hält die Möglichkeit einer lyrischen Zukunft offen – mit seinem Glauben an den stets sich regenerierenden ›hinreißenden Vers‹ des Gedichts.
   Der aufregendste Text in dieser Abschiedsnummer der Losen Blätter ist ein Auszug aus einem Roman Marcel Beyers, der viel Beobachtungsgabe aufbringt bei der Erkundung der Welt der Vögel. Das hier vorgestellte Kapitel handelt in den wesentlichen Partien von den Reaktionsformen eines Kolkraben. Bei der Begegnung mit einem Menschen nimmt der Vogel sofort eine Angriffsstellung ein, wenn ihn ein bestimmter Reiz provoziert: in diesem Fall ist es der dunkelgrüne Stoff eines Lodenmantels. Ohne zu zögern startet der Vogel eine Attacke auf den Träger des Lodenmantels – ein Angriff mit vorerst noch unabsehbaren Folgen. Hier könnte eine ›Rabenschlacht‹ beginnen – wie vor vierzig Jahren in einer motivverwandten Erzählung des Schriftstellers Joseph Breitbach.«
Michael Braun, Saarländischer Rundfunk, 13. Juni 2007
 
Heft 39 »Schmucklos und im handlichen Format kommt die Literaturzeitschrift Lose Blätter daher. Es kann den Leser also nichts ablenken vom Inhalt. Denn der ist hochkarätig: Gute Literatur bieten die Macher, experimentelle Texte sind genauso dabei wie Hefte, die nur aus Gedichten bestehen. Das Blatt ist unabhängig und kommt trotz des günstigen Preises seit Jahren ohne Zuschüsse aus. Neben Unbekannten ist auch Prominenz dabei: Thomas Brussig, Durs Grünbein oder Ilse Aichinger zum Beispiel veröffentlichen darin.«
RBB Radio Eins (Potsdam), 14. Januar 2007
 
Heft 38 »Die größte Freiheit, die ein Schriftsteller in seiner Arbeit erleben kann, gewähren ihm die offenen Formen, in denen er vom Zwang zur Vollkommenheit entlastet ist: also das Arbeitsjournal, die Aufzeichnung, die Skizze oder die intime Tagebuchnotiz. Die Aufzeichnung beispielsweise hält die Unsicherheit des Vorläufigen aus, der Autor darf sich im Feld des Provisorischen bewegen, er hält einen Moment des Schreibprozesses fest, ohne verkrampft auf die endgültige, unverrückbare Gestalt einer Formulierung zu starren. Diese Art des Schreibens verhilft auch zu mehr Beweglichkeit, zu mehr kühnen Experimenten und Abschweifungen, die sich nicht vor einem Gesamtplan rechtfertigen müssen. Das Werk muss nicht endgültig fixiert werden, so bleiben die fatalen Starrkrämpfe aus, die bei Abschluss eines Schreibprozesses auftreten können und für die einst Walter Benjamin folgende Sentenz gefunden hat: ›Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption.‹
   Wie man sich freischreiben kann von solchen Totenmasken, hat nun die Lyrikerin und Erzählerin Ursula Krechel in einem schönen poetologischen Entwurf für Heft 38 der stets lesenswerten Zeitschrift Lose Blätter festgehalten. ›Die Aufzeichnung‹, resümiert Krechel, ›ist ein Museum des Gegenwärtigen ... sie richtet sich in der gebrechlichen Zustandsverfassung der Welt ein.‹ Und aus solcher Mitschrift des Gegenwärtigen, aus solchen ›losen Blättern‹, wie sie eben die genannte Zeitschrift sammelt, können die geistvollsten Dokumente der Welterkundung entstehen. Um zwei Beispiele zu geben: Die Aufzeichnungsbücher Elias Canettis und die ›cahiers‹ des Verzweiflungsphilosophen Emile Cioran sind wohl die lehrreichsten und erkenntnisbittersten Schriften zum Verhängnis des Menschseins, die im 20. Jahrhundert publiziert worden sind.
Michael Braun, Saarländischer Rundfunk, 12. Dezember 2006
 
»Lose Blätter nennt sich eine hochsensible Zeitschrift für Literatur, die bereits im 10. Jahrgang in Berlin erscheint. Es sind schmale, nur 32 Seiten umfassende Hefte, die Gedichte, Prosastücke, Essays, gelegentlich auch Fotos enthalten, klug und kenntnisreich zusammengestellt von Renatus Deckert und Birger Dölling. Über die literarische Form der Aufzeichnung äußert sich im jüngsten Heft Ursula Krechel. Sie spricht von einem System, ›das Splitter, Montageteile, Notate ausstellt und keinen denkerischen oder erzählerischen Zusammenhang behauptet.‹ Die Aufzeichnung hat keinen Helden und – anders als der Brief – auch kein Gegenüber. Sie entblößt ihren Verfasser nicht so weit, wie das Tagebuch es gestattet. Sie hält ›die Unsicherheit des Vorläufigen‹ aus, ist stets sprungbereit und schneller als eine geschlossene Erzählform – ein Zeugnis der Wachheit. ...
   Mit einer eindrucksvollen Rede hat sich der Dichter und (Hanser-)Verleger Michael Krüger für die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Bielefeld bedankt. Er erinnert an das Glück der Jahre um 1968, an den ›unvergesslichen Rausch des Lernens und Erfassens‹, an das selbstverständliche Studieren der unterschiedlichsten Disziplinen. Nie wieder habe er so intensiv gelesen und diskutiert: Marx und Freud, Adorno und Hans Blumenberg durcheinander. ...
   Doch Krüger beklagt auch, mit scharfen Worten, die bald nach 68 einsetzende Radikalisierung des Zeitgeists und den marxistisch-leninistischen Affront gegen jede Art bürgerlicher Tradition, so auch gegen das Lesen, Lieben und Schreiben von Gedichten: ›Es ist und bleibt die Schuld meiner Generation, damals nicht für Goethe und Schiller, für Hölderlin und Mörike, für Kafka und Robert Walser auf die Straße gegangen zu sein. Wir ließen es geschehen, dass in der Germanistik und dann auch in der Schule der unsäglichste, primitivste Unsinn als Literaturvermittlung und Literaturwissenschaft verbreitet wurde.‹«
Michael Buselmeier, Freitag (Berlin), 24. November 2006
 
Heft 36 »Die Losen Blätter, eine Zeitschrift, die für das kompetente Gespräch über zeitgenössische Lyrik unverzichtbar geworden ist, haben in ihrem aktuellen Heft 36 einen inspirierten Diskurs über das Verhältnis von ›Lyrik und Musik‹ angestiftet. Hier versucht zum Beispiel Marcel Beyer gegen das alte Klischee von der magischen Unmittelbarkeit der Musik im Unterschied zur Literatur anzugehen. Und hier verrät zum ersten Mal der Lyriker Ulf Stolterfoht, bekannt für seinen virtuosen Umgang mit ›Fachsprachen‹ und seine heitere lyrische Kombinatorik von Satz-Fragmenten, eine Urszene seines Schreibens. Ein Besuch des Jazz-Festivals in Moers und die Begegnung mit der Musikgruppe ›Skeleton Crew‹ wurde für Stolterfoht ganz offensichtlich zum Erweckungserlebnis. Hier kam ihm die Idee, die Verfahrensweisen der improvisierten Musik, der ›freiesten Formen der populären Musik‹ in enger Nachbarschaft des Free Jazz, auch für die eigene Dichtung fruchtbar zu machen. ›vor allem aber begriff ich, dass ich das nichtverstehen richtig verstanden hatte: die entsemantisierung (oder womöglich besser: entreferentialisierung) der kunst als letztes uneingelöstes versprechen der moderne.‹«
Michael Braun, Saarländischer Rundfunk, 13. Juni 2006
 
»Die Frühlingsausgabe von Lose Blätter kreist um das Verhältnis von Lyrik und Musik. In einem Gespräch, das Marcel Beyer mit der Zeitschrift führt, zieht der Schriftsteller gegen die Annahme zu Feld, melodische Klänge vermöchten den Hörer unmittelbarer als Worte zu erreichen. Er betont die Komplexität beider Kommunikationssysteme, ›das Rationale an der Musik‹ und ›das Magische an der Sprache‹. Den Wunsch, vor allem in der Musik an etwas Ursprüngliches zu rühren, begründet Beyer mit der jungen deutschen Nationalgeschichte und dem Bestreben der Klassik, in einer ›Leitkultur‹ jene Einheit zu finden, die politisch und geographisch nicht zu haben war. Von dieser Illusion sei der Musikkonsum noch immer geprägt: ›Was unsere Vorstellung von Gefühl betrifft, sind wir heute Menschen des ausgehenden achtzehnten, frühen neunzehnten Jahrhunderts.‹ Ein Blick auf ›die haarsträubenden Kommentare abendländischer Musikprofis‹, die andalusische oder afrikanische Kompositionen ›kaum als Musik erkennen können‹, zeige die Verlogenheit am Ideal des kulturell erzeugten Einsseins.«
Ingeborg Harms, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. Mai 2006
 
Heft 34 »Die neueste Ausgabe der Losen Blätter ist als eine sehr lesenswerte poetische Menagerie angelegt: Es geht um ›Tiere im Gedicht‹, und die Textproben von Marcel Beyer, Monika Rinck oder Jan Wagner dokumentieren sehr unterschiedliche Annäherungsweisen an die geliebte, leidende und missbrauchte Kreatur. Jan Wagner versucht sich in elegischer Einfühlung in ein Pferd, das im Berlin des Jahres 1904 als Wundertier herumgereicht wurde. Norbert Hummelt entfaltet ein Stirb-und-Werde-Motiv: Das von überwältigendem Lebenswillen zeugende Geschrei eines Babys fällt zusammen mit dem Begräbnis der geliebten Katze. Marcel Beyer geht in einer Reminiszenz an seinen toten Freund Thomas Kling einen anderen Weg. Er erhebt die Wespe, ein Wappentier Klings, zum Urgeschöpf des poetischen Sprechens: ›Wespe, komm in meinen Mund, / mach mir Sprache, innen, / und außen mach mir was am / Hals, zeig’s dem Gaumen, zeig es // uns. So ging das. So gingen die / achtziger Jahre. Als wir jung / und im Westen waren. Sprache, / mach die Zunge heiß, mach // den ganzen Rachen wund, gib mir / Farbe, kriech da rein.‹«
Michael Braun, Saarländischer Rundfunk, 13. Dezember 2005
 
Heft 31
Foto: Paustian
»Um literarische Erstlingswerke und ihre Verfasser, die Debütanten, ranken sich seit je die absonderlichsten Mythen. Sie werden entweder als zukunftsträchtige Geschöpfe oder gar als Verheißung begrüßt oder aber als unverzeihlicher Sündenfall disqualifiziert ...
   Nun hat das derzeit inspirierteste Periodikum der jungen Literaturszene, die Berliner Zeitschrift Lose Blätter, dreizehn renommierten Autoren die Gretchenfrage gestellt: Wie halten Sie es mit Ihrem Erstling? Heraus gekommen ist dabei eine wunderbare kleine Anthologie mit verblüffend skeptischen Selbsterkundungen. Gleich zwei Autoren-Generationen, von Ilse Aichinger und Oskar Pastior bis hin zu Durs Grünbein und Thomas Brussig, begrübeln in Heft 31 von Lose Blätter in postumem Staunen und gelegentlicher Beklommenheit ihre ›ersten Werke‹. Ihr erstes Buch, so erinnert sich Ilse Aichinger an ihren Roman ›Die größere Hoffnung‹ aus dem Jahr 1948, sei aus einem ›Debakel‹ entstanden. Das erweist sich als der Auftakt zu einer skeptischen Poetik, die dem Weiterschreiben das Schweigen vorzieht. ›Ich könnte noch schreiben‹, so Aichinger, ›weil ich eben nichts anderes kann, aber es genügt mir, so lange als möglich nicht zu schreiben – der schwierigere und eigentliche Teil der Arbeit‹.
   So lange als möglich nicht zu schreiben: das hatte sich auch der Lyriker Gerhard Falkner nach dem Erscheinen seines dritten Gedichtbands ›wemut‹ im Jahr 1989 vorgenommen – um sich ab 1995 dann doch weitere Bücher zu gestatten. Im Rückblick auf seinen ersten Gedichtband ›so beginnen am körper die tage‹ gerät er nun fast ins Schwärmen. Diese frühen Gedichte überfielen den Autor ›wie Schweißausbrüche‹, sie überkamen ihn ›wie Hungergefühle‹, ›sie gründeten nicht auf Ehrgeiz, sondern auf Erregung‹. Um diesen Respekt vor der eigenen ästhetischen ›Erregung‹ wird ihn wohl Durs Grünbein beneiden. Bei keinem Autor der Lose Blätter-Anthologie ist nämlich das Distanzierungsbedürfnis gegenüber den eigenen Frühwerken so groß wie eben bei Grünbein. Kopfschüttelnd wendet er sich von den Gedichten seines Bandes ›Grauzone, morgens‹ ab, den er als furchtbare ›Peinigung‹ empfindet, als niederschmetterndes Dokument ästhetischer ›Unmündigkeit‹. Am anderen Ende der Rückblicks-Skala entwickelt Thomas Brussig ein geradezu zärtliches Verhältnis zu seinem Roman-Erstling ›Wasserfarben‹ ...«
Michael Braun, Deutschlandfunk, 28. Juni 2005
 
»Es ist überaus lehrreich, die Geständnisse – oder kunstvoll verweigerten Geständnisse – der vormaligen Debütanten zu lesen. Sie alle eint der euphorische Dilettantismus, ohne den niemand beginnt. Das Weitere, das fortgesetzte Werk, ist dann Vervollkommnung in Gestalt von nüchterner Fehlerkorrektur. Aber selbst dann noch sabotieren anarchische Gegenkräfte das Gleichmaß kontinuierlichen Arbeitens. Günter Kunert bekennt: ›Die Verhältnisse haben die Tendenz, immer wieder in ihre alten, gewohnten Bahnen zurückzusinken.‹ Erinnern ist bitter. Wer (noch) keinen Namen hat, den trifft die Ignoranz des Durchschnittslesers doppelt. Wer weitermacht, dessen Trotz berechtigt zu größten Hoffnungen ...
   Es sind hier eben alles keine ungebrochen-hoffnungsstarken Debütanten mehr versammelt, sondern Beschädigte, die zögerlich lesenswerte Antworten geben. Sie klingen alle irgendwie nach Rilkes: Wer spricht von siegen, überstehn ist alles. Wenn man es recht bedenkt, ist das ohnehin die einzige Position, aus der heraus sich ein Autor seinem Leser (und sei es nur ein einziger) mitteilen sollte.«
Gunnar Decker, Neues Deutschland (Berlin), 14. März 2005
 
»Literatur ist dem Gedächtnis verpflichtet. Zahllos die Werke, in denen erinnert wird und hemmungslos verflossene Liebschaften oder furchtbare Kindheiten beschworen werden. Der Blick zurück ist der dem Dichter angemessene. Es sei denn ... es sei denn, dieser Blick soll sich auf das eigene Schreiben und seine Anfänge richten.
   Auf die erste Buchveröffentlichung etwa. Da regen sich rasch allerlei Widerstände, da erscheint die Konfrontation mit dem früheren, doch noch so unvollkommenen Autoren-Ich als so peinigend und peinlich, dass man sie lieber vermeiden möchte. ›Ich schäme mich einiger Texte‹, bekennt etwa Friederike Mayröcker. Fast fünf Jahrzehnte liegt ihr erster Prosaband zurück. Den sie aus Furcht vor einer Blockade dann auch gleich wieder zuschlägt. ... Offensichtlich stellt die Auseinandersetzung mit den eigenen Anfängen für verletzliche Dichterseelen ein Risiko dar. ... Erstaunlich daher, wie viele Autoren die rührigen Herausgeber der Zeitschrift Lose Blätter, Renatus Deckert und Birger Dölling, dazu bewegen konnten, das Wagnis doch auf sich zu nehmen. In durchweg lesenswerten Essays notieren 13 Autoren und Autorinnen wie etwa Günter Kunert, Kurt Drawert, Uwe Kolbe oder Ilse Aichinger, was ihnen bei der Re-Lektüre durch den Kopf geht. Und an welche Begleitumstände von damals sie sich noch erinnern: vom mütterlichen Küchentisch als erster Schreibunterlage (Aichinger) bis zum inquisitorischen Besuch einer ›gar nicht unattraktiven Kulturtussi vom Zentralkomitee der SED‹ (Drawert).«
Oliver Pfohlmann, die tageszeitung (Berlin), 15. Februar 2005
 
»Neben den vielen, allzu vielen ungelesenen Meisterwerken, die uns nachts noch drohend und lockend in die Träume nachsteigen und schon am Morgen wieder vom Regal herabquengeln und gelesen werden wollen, gibt es auch den umgekehrten Fall: das mehrfach gelesene Buch. Das Drama des ungelesenen Buches mag gewaltig sein, das des wieder gelesenen ist delikat. Erlaubt es doch tiefe Blicke in die Unbeständigkeit des literarischen Urteils, das einem im Wandel der Zeiten und der Moden nicht fester begründet erscheinen mag als ein Schilfrohr im Wind.
   Glücklicherweise geht es den Autoren darin nicht anders als den Kritikern. Auch ihnen, das hat eine kleine, aber erlesene Umfrage der literarischen Zeitschrift Lose Blätter ergeben, tritt ihr erstes Buch, in gravierenden Fällen schon nach wenigen Jahren, beim Wiederlesen wie ein Fremdling entgegen ...
   So geht alles dahin, und wir gehen mit. Dass es, wie Jürgen Becker vermutet, wirklich eine ›innere Zeit‹ gibt, eine zeitlose, poetische Zeit, die dem Vergehen von der Schippe springt – das soll an diesem schönen Ort lieber nicht bezweifelt werden.«
Iris Radisch, Die Zeit, 10. Februar 2005
 
»Wie es einst war, sich in die Öffentlichkeit hinauszuwagen, das wollen am liebsten immer die wissen, die ihr Spiel mit der Zukunft noch treiben können. Die, die darauf vertrauen, dass sich aus den Erfahrungen Regeln destillieren lassen, wie es denn gewesen sein wird, wenn sie selbst einmal den ersten Schritt getan haben. Die Debütanten von früher jedoch, egal, ob ihre Anfänge fünfzig Jahre zurückliegen oder nur zehn, kommen sich oft kaum noch auf die Schliche. Die Erinnerung betrügt sie oder verweigert gleich den Dienst – aus den verschiedensten Gründen. Zumal in der Literatur scheint ein Bannfluch über der Vergangenheit zu liegen, als würden Person, historischer Rahmen und ›Textentstehungsaggregatzustände‹ (Oskar Pastior) binnen kürzester Zeit so weit auseinander treiben, dass die Bitte, den Texten von früher einen zweiten Blick zu schenken, schwer wiegende Zerfallsprozesse nach sich zieht ...
   Die aktuelle Ausgabe der Losen Blätter ist ein besonderes Schmuckstück der an Schmuckstücken nicht gerade armen Reihe – nicht nur, weil die von Renatus Deckert und Birger Dölling seit 1997 herausgegebene Literaturzeitschrift noch nie so viele namhafte Autoren hatte: Elke Erb, Uwe Kolbe, Kurt Drawert, Brigitte Oleschinski oder Thomas Brussig. Sie ist es vor allem, weil die Idee, möglichst vielen jungen Autoren (und Debütanten) eine Chance zu geben, diesmal konsequent auf den Kopf gestellt wird – und das mit staunenswerter Vielstimmigkeit. Die Polemik gegen die ›Geilheit‹ eines ›Häufleins sprachlich vermurkster Gedichtwarenvertreter‹ (Gerhard Falkner) steht neben poetischen Vergegenwärtigungen der ›wirren Klarheit des Vergangenen‹ (Johannes Jansen). Und die literaturbestimmende Erinnerung an die tödlichen Gase eines Aluminiumwerks in Pennsylvania, von denen Günter Kunert nach dem Krieg in Life gelesen hatte, neben Friederike Mayröckers Fazit: ›Ich schlage mein Buch zu und schaue hinter mich, erblicke einen gleicherweise langen wie beglückenden Lebensweg.‹ So viel Seelenruhe kann kein anderer Beiträger reklamieren. Muss man dafür tatsächlich achtzig werden?«
Gregor Dotzauer, Der Tagesspiegel (Berlin), 6. Februar 2005
 
»So erregend wie die Wiederbegegnung mit der ersten Liebe kann jene mit der ersten Buchveröffentlichung sein. Eine Vielfalt von Gefühlen meldet sich: Pein und Zärtlichkeit, Wehmut und freudige Überraschung, aber auch Skepsis oder gar energische Ablehnung. Die Herausgeber der Literaturzeitschrift Lose Blätter haben Autorinnen und Autoren um ein Echo gebeten, das die erneute Lektüre ihrer Erstpublikation auslöst. Daraus ist eine reizvolle Textsammlung erwachsen, die Lust und Erkenntnis verspricht.«
Beatrice Eichmann-Leutenegger, Neue Zürcher Zeitung,
4. Februar 2005
 
»Ein ›Debüt‹ ist ein kritischer Punkt, an dem sich Furcht und Hoffnung kreuzen. Bei Dichtern, aus denen etwas geworden ist, so sollte man meinen, ist das Debüt ein Lichtpunkt, auf den sie gern zurückblicken. Auch wenn er ihnen ferngerückt ist, war er doch ein Anfang, der gemacht werden musste.
   Unwirsch aber teilt der Dichter und Büchnerpreisträger Durs Grünbein mit, er wolle mit seinem lyrischen Erstling aus dem Jahr 1988 möglichst wenig zu tun haben: ›Dieser zitronengelbe Broschurband mit seiner zerrauften Typographie erinnert mich an das hässliche junge Entlein aus Andersens Märchen, von dem gesagt wird, es hätte zu lange im Ei gelegen und darum sei es etwas missraten. Jetzt erreicht mich die Bitte um eine neuerliche Lektüre, und sie kommt einer Peinigung gleich. Nichts um alles in der Welt kann den Autor dazu bringen, dieses Dokument seiner Unmündigkeit noch einmal in Betrachtung zu ziehen.‹
   Die Bitte kam von Renatus Deckert und Birger Dölling, den Herausgebern der lesenswerten schmalen Literatur-Zeitschrift Lose Blätter. Deren neueste Ausgabe enthält dreizehn knappe Texte von Autoren, die ihre erste Buchpublikation hervorgenommen und notiert haben, was ihnen bei der neuerlichen Lektüre oder auch bei dem Ausweichen davor durch den Kopf ging.
   Von den Umständen, unter denen die Erstlinge entstanden, ist dabei mindestens so oft die Rede wie von den Texten selbst. Etwa bei Ilse Aichinger, wenn sie statt auf ihren Roman ›Die größere Hoffnung‹ (1948) auf die Wiener Küche zurückblickt, in der er entstanden ist. Oder bei Oskar Pastior, der von einem Debüt berichtet, das 1968 im rumänischen Staatsverlag gar nicht erschienen ist, das er aber lieber als seine Erstpublikation ansieht ›als alle Erstpublikationen vorher und nachher‹ ...«
Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung, 29./30. Januar 2005
 
Heft 27 »Die Rolle des literarischen Entdeckers haben andere Periodika übernommen. An erster Stelle sind hier die Losen Blätter zu nennen, eine Berliner Literaturzeitschrift, die von Birger Dölling und Renatus Deckert herausgegeben wird ... Die bislang aufregendste Ausgabe ist den Herausgebern nun mit Heft 27 gelungen. Das Heft beginnt mit einem Auszug aus Uwe Tellkamps langem Gedicht ›Falter‹ – eine von zarten Naturvokabeln und seltenen Wörtern berauschte Einkreisung von Tellkamps Kindheitsort, der Sächsischen Schweiz. Tellkamp ist ein manischer Wörtersammler, der in weiten assoziativen Bögen seine Wörter in ein rhapsodisches Langgedicht einfügt, das den Leser sofort in seinen Bann zieht. Es folgen ein Exkurs von Kurt Drawert über Kaspar Hauser, und schließlich der mit Abstand brisanteste Essay eines deutschen Schriftstellers seit langem – Marcel Beyers Bericht ›Das wilde Tier im Kopf des Historikers‹. Marcel Beyer folgt mit kompromissloser Genauigkeit einer traumatischen Szene, die sich während des verheerenden Bombenangriffs auf Dresden in der Nacht des 13. Februar 1945 abgespielt hat. Es ist ein ungeheuer suggestives Bild, dessen realhistorischen Gehalt Beyer zu ergründen sucht: ›In der Nacht, da die Altstadt von Dresden aus der Luft bombardiert wurde, flüchten sich die Menschen in den größten Park der Stadt, um den Flammen zu entgehen, und treffen dort auf entlaufene Tiere aus dem Zoo, erschöpft, erschrocken, orientierungslos die einen wie die anderen, und so verbringen Menschen und wilde Tiere gemeinsam die Nacht unter freiem Himmel.‹ Marcel Beyer hat schon an einer Stelle seines Romans ›Flughunde‹ das Schicksal von Tieren thematisiert, die nach einem Bombenangriff auf den Berliner Zoo ins Freie und in Panik gerieten. In seinem Lose Blätter-Essay entwirft Beyer nun einige hochinteressante Thesen zur Differenz zwischen der Arbeitsweise des Historikers und der des Schriftstellers. Während ein Historiker sich stets außerhalb des Bildes zu situieren sucht, ist ein Schriftsteller immer Teil des Bildes, das er entwirft, seine Erzählerstimme ist Bestandteil der Figurenstimmen.«
Michael Braun, Saarländischer Rundfunk, 6. Juli 2004
 
»Das Konzept der Losen Blätter besticht mit konsequentem Understatement. Jedes Heft besteht aus acht gehefteten Blättern, kostet dafür aber nur 1,50 Euro. So schlicht die Form, so exquisit der Inhalt.«
Oliver Pfohlmann, die tageszeitung (Berlin), 7. April 2004
 
»Mit Panthern, Bären und Giraffen hätten die Menschen friedlich auf der Wiese gelegen. Was hier beschworen wird, ist mitnichten eine Szene aus dem Garten Eden, vielmehr eine Erinnerung vom Tag nach dem Bombardement, das in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 Dresden zerstört hat. Damals waren die Ausgebombten nach dem nächtlichen Inferno auf die nahen Elbwiesen geflüchtet, um den Brandherden und weiteren Angriffen zu entkommen. Aus dem Zoo im Grossen Garten waren indessen auch die Tiere ausgerissen, und die Reminiszenz hat später Mensch und Tier zum pastoralen Bild gefügt, als ob es sich um einen Rückfall ins Paradies gehandelt hätte. Aber Marcel Beyer, 1965 geboren und heute in Dresden lebend, entdeckt den Widerspruch in diesem Tableau. ›Ohne Bomben keine freilaufenden Tiere‹, lautet sein Befund, denn die Raubtiere sind in Panik aus Käfig und Gehege ausgebrochen. So ist auf Erinnerungsbilder wenig Verlass, und der Historiker muss Fakten von Fiktionen trennen, während der Schriftsteller ›immer Teil des Bildes‹ ist. Das entbindet ihn nicht von der Genauigkeit im Umgang mit dem Tatsachenmaterial, wohl aber von der Distanziertheit des Geschichtswissenschafters.
   Nachlesen kann man diese Anmerkungen im neusten Heft der vierteljährlich erscheinenden Berliner Literaturzeitschrift Lose Blätter, die leichtfüssig auftritt, jedoch geistiges Gewicht beanspruchen darf. In diesem wie auch in den vorangegangenen Heften erwartet die Leserschaft im Wechsel mit fotografischen Arbeiten eine ausgeklügelte Mischung zwischen Prosa und Poesie. Innerhalb des lyrischen Schaffens pflegt man auch eine Reihe mit fremdsprachiger Lyrik; so stellt sich in der jüngsten Ausgabe der 1970 in Mittelböhmen geborene Petr Borkovec mit Gedichten in der Übersetzung von Christa Rothmeier vor, die von genauer Beobachtung zeugen. Zudem würdigt der Herausgeber Renatus Deckert Volker Hages Buch ›Zeugen der Zerstörung‹, das W. G. Sebalds häufig zitierte Aussage widerlegt, der Luftkrieg sei von den Literaten nicht thematisiert worden. Deckert erweitert aber Hages Beispiele um markante Namen wie Volker Braun, Karl Mickel oder Heinz Czechowski.«
Beatrice Eichmann-Leutenegger, Neue Zürcher Zeitung,
6. Februar 2004
 
Heft 25 »Wie die Auseinandersetzung von Ich und Welt Gestalt annimmt, kann man in den Losen Blättern lesen, einer bescheiden gehefteten Literaturzeitschrift, die es verdient, in Leinen gebunden zu werden. Heft 25 führt in Faksimiles frühe Gedichtstufen von Friederike Mayröcker, Marcel Beyer, Günter Kunert und Durs Grünbein vor. Das Sonderheft 3 ist letzterem exklusiv gewidmet. In einem Gespräch legt der Dresdener Autor Rechenschaft über den Einfluß seiner Heimatstadt auf die eigene Arbeit ab. Ihre Zerstörung in einem seiner Geburt vorausliegenden Inferno hat ihn den Sarkasmus gelehrt. Trotzdem hält er daran fest, daß Dichtung ›immer schon jenseits der Historie‹ stattfindet, nicht jedoch jenseits der ›Ursprungslandschaft‹ des Künstlers. Sie ist sein ›genetischer Code‹. Anders als Margot Käßmann und Stephan Goertz, die ein applaudierender Gott mit einem Backstage-Paß zum Elysium ausstattet, sieht Grünbein sich eher als flötenspielender Höllensolist, als Orpheus, dem die weichen, formbaren Sandsteinberge der Elbe ›wie die Tiere‹ folgen: ›Die sind sehr anhänglich. Die laufen hinterher.‹«
Ingeborg Harms, Frankfurter Allgemeine Zeitung,
17. November 2003
 
»Intelligent komponiert und teilweise von hoher literarischer Qualität sind die Losen Blätter ... Es geht darin um neue deutsche Literatur, um nichts als Gedichte, Prosa und manchmal eine Rezension. Man kennt den Jahrmarkt der Stile und Eitelkeiten, die Erfolgreichen wie die Randfiguren, präsentiert Texte von berühmten Leuten wie Durs Grünbein und Volker Braun und von ganz Unbekannten. Dazwischen stille Schwarz-weiß-Fotografien ...«
Michael Buselmeier, Freitag (Berlin), 3. Oktober 2003
 
»Viermal im Jahr stellen die Herausgeber Renatus Deckert und Birger Dölling auf 32 Seiten in schlichter, handgefertigter Aufmachung neue Prosa und Lyrik vor. Nach einer kurzen Ewigkeit im Sessel dürften da schon manche, die ihn noch nicht kennen, den Gedichtband der Leonce-und-Lena-Preisträgerin Silke Scheuermann bestellen oder noch weitere Storys von Ingo Schulze verschlingen wollen ...«
Rainer Stolz, tip (Berlin), 10. September 2003
 
»Eine preiswerte Kostbarkeit
Der Zufall mag es viel zu oft zu eilig haben, um einem Leser die Losen Blätter in die Hand zu legen. Wen er dennoch in diesem Sommer in eine der ausgewählten Buchhandlungen und Bibliotheken führt, in denen die schmale Zeitschrift für Literatur ausliegt, der kann darin einen Brief aus Altenburg lesen, der ganz ohne Hilfe von Hitze und Sonne eine flimmernde, schwirrende Atmosphäre erzeugt. In welcher der mehr als dreißig Berliner Literaturzeitschriften kann man derzeit so funkelnd komponierte Prosa finden?
   ... Der Brief aus Altenburg ist ein Vorabdruck aus dem neuen Roman von Ingo Schulze, der erst im Herbst des kommenden Jahres erscheinen wird. Und er ist nur eine der kleinen Kostbarkeiten, die von den Herausgebern Renatus Deckert und Birger Dölling für das 25., das Jubiläumsheft der Losen Blätter zusammengetragen wurden: Faksimiles von Gedichtmanuskripten, etwa Günter Kunerts Letzter Besuch, Durs Grünbeins Toter Soldat oder Notizen Friederike Mayröckers auf einem Kuvert.
   Die Losen Blätter gibt es nun seit dem Frühjahr 1997, und was immer den Betrieb in dieser Zeit am Laufen gehalten und zum Lärmen animiert hat, wird man in den Heften vergeblich suchen. Keine Spur von schreibenden Mädchen und Pop. Die Auswahl folgt ganz den Vorlieben der Herausgeber, und so findet man auf dem sorgfältig bedruckten Recycling-Papier immer wieder Stimmen aus Sachsen, mitteldeutsche Literatur, ergänzt um Erstveröffentlichungen von Michel Tournier, Ludvík Kundera oder James Tate und wenige Fotografien. Ein Sonderheft des vergangenen Herbstes war Durs Grünbein gewidmet. Hier wird bedächtig und alles Aufgeregte meidend im Vierteljahresabstand eine literarische Landschaft durchwandert. ...«
Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung, 23. Juli 2003
 
Heft 24 »Renatus Deckert und Birger Dölling haben die jüngste Ausgabe ihrer Literaturzeitschrift Lose Blätter Österreich gewidmet. Sie werben für den jungen Grazer Lyriker Helwig Brunner und den Erzähler Stephan Alfare und lassen Franzobel erklären, warum in Österreich keiner etwas ernst nimmt. ›Was aber keineswegs bedeutet, dass der einzelne nicht ernst genommen werden will. Man legt sich sonderbare, an Kakanien gemahnende Titel zu, was genau das Gegenteil erzeugt, Lächerlichkeit. Und alle neigen zu Extremen. Die Schriftsteller überbieten sich in ihren Österreichbeschimpfungen, die man sowieso nicht ernst nimmt, die Zukunftsforscher malen den Teufel an die Wand, die Maler beschäftigen sich oft mit Kot und Blut, und die Politiker radikalisieren – alle in der Hoffnung, selber ernst genommen zu werden. Doch es ist aussichtlos. Niemand nimmt hier jemand ernst. Niemals.‹«
Gregor Dotzauer, Der Tagesspiegel (Berlin), 11. Mai 2003
 
Heft 23 »Vier Mal im Jahr ein Appetithappen – und mit der Zeit bekommt man eine Übersicht über jene jungen deutschen Autoren, deren Texte auch morgen Bestand haben werden ... Das Sammelwerk Lose Blätter ist ein abonnierenswerter Führer zu aktuellen Stimmen und Trends in Prosa und Lyrik.«
Martin Droschke, Zitty (Berlin), 19. Februar 2003
 
»... Als schmales, unaufwendig gedrucktes Periodikum für Literatur und Photographie haben sich die Losen Blätter mittlerweile im Herz der Berliner Literaturszene etabliert. In den jüngsten vier Heften wird nicht nur die junge Garde der neuen Berliner Großstadtpoesie vorgestellt, Autoren wie Ron Winkler, Tom Schulz oder Alexander Gumz, sondern es kommt auch zum reizvollen ästhetischen Zusammenprall alter und neuer Autorengenerationen und der von ihnen repräsentierten Schreibkonzepte. In Heft 22 beobachten wir Volker Braun beim poetischen Abgesang auf die Sächsische Flut 2002 ... Im aktuellen Heft 23 antworten die todessüchtigen Monologe Johannes Jansens auf Jochen Schmidts allzu kalauerverliebte Prosawitzeleien. ›Das einzige‹, so Jansen, ›was mich hält, ist die Erinnerung an jene Richtung, aus der ich gekommen bin: Das Kind mit der Freude an traurigen Geschichten.‹ In den Losen Blättern kann man viele solcher traurigen, verzweifelt fröhlichen, poetisch traumdunklen Geschichten und Gedichte lesen. Nach der Ära der Ironie bedarf es solcher von Romantik und Idealismus inspirierten Projekte, um der anämischen jungen Literatur neue Energien zuzuführen ...«
Michael Braun, Deutschlandfunk, 4. Februar 2003
 
Heft 22 »... Der Inhalt der Zeitschrift für Literatur und Photographie ist alles andere als ein wilder Stapel Manuskripte. Das Formbewusstsein der beiden Herausgeber Renatus Deckert und Birger Dölling ist – auch im Hinblick auf den klassischen Umbruch – deutlich ausgeprägt. Kein Wunder, dass sie den Dichter Durs Grünbein zu ihren Hausgöttern zählen und ihm sogar ein unlängst erschienenes Sonderheft gewidmet haben. Überhaupt: die Lyrik und der deutsche Osten. Beides gehört zu den Schwerpunkten der Berliner Zeitschrift, die in ihren 22 Heften schon neue Texte von Volker Braun, Heinz Czechowski und Lutz Seiler gedruckt hat. Kaufen kann man die Losen Blätter in der Berliner Autorenbuchhandlung, im artificium-Mitte und in Juliettes Literatursalon. Lesen ... kann man sie auch im Netz. Aber will man sie bei einem Einzelpreis von 1,30 Euro nicht lieber in Händen halten?«
Gregor Dotzauer, Der Tagesspiegel (Berlin), 2. Januar 2003
 
Heft 21 »Es ist nicht die Zeit der Flugblätter, aber vielleicht die der Flugschriften? Lose Blätter, so heißt eine Zeitschrift, die im 7. Jahrgang erscheint, vierteljährlich, plus Sonderhefte ... Keine jener Szene-Zeitschriften, die schnell kommen und noch schneller verschwinden. Hier steht ein nahezu klassischer Zeitschriften-Ansatz im Raum. Klassisch? Das heißt wohl antiquiert? Nein, heißt es nicht, denn was auf den ersten Blick daherkommt wie Sinn und Form und ndl, nur mit bescheideneren Mitteln, ist doch neu. ... Keine Zeitschrift ..., die repräsentieren will, sondern die die Tradition des literarischen Almanachs mit der des Arbeitsbuches verbindet. An den Losen Blättern faszinieren die Mischungen auf hohem Niveau: Lyrik, Prosa, Gespräch, Fotos (wenige), Kritik. Etablierte Autoren (Braun, Grünbein, Franzobel, Jirgl, SAID) neben ganz jungen. ...
   So hebt das Editorial von Heft 21 zum Thema ›Nachrichten aus der DDR‹ mit den Sätzen Birger Döllings an: ›Heimat – ein zweifelhafter Begriff des Deutschen, mit einem Bedeutungsfeld, das in anderen Sprachen seinesgleichen sucht. Meint es das Land, die Stadt, die Straßenzeile? Das politische Wesen oder die unpolitische Physis, Gebirge, Wald, Küste? Ist es überhaupt aus dem Gegebenen zu bestimmen?‹ Hier wird ein Feld an Differenzierungen abgesteckt, eine Nachdenklichkeit behauptet, die voran gehen will.
   Im Sonderheft 3 zu Durs Grünbein führt Renatus Deckert ein Gespräch mit diesem über Dresden und die Künste ... In diesem Dresden-Exkurs gelingt eine Unabhängigkeit des Blicks, ohne jene Abgelöstheit, die im Beliebigen endet. Hier wird frei spielend der Ernst des dichterischen Wortes ermittelt: nicht mehr als nötig, aber dieses Minimum dann sehr entschieden.
   So entstehen auf engem Heft-Raum Spannungsbögen. Die Losen Blätter beharren auf Schrift-Substanz. Das Kunststück liegt im Maßverhältnis: Ermitteln des maximalen Flug-Gewichts. Was so viel heißt wie, jener (irrtümlich) für längst überholt gehaltenen Form der Zeitschrift eine neue Gegenwart zu geben.«
Gunnar Decker, Neues Deutschland (Berlin), 6. Juni 2003
 
 

Ulrike Draesner · Adolf Endler · Wolfgang Hilbig · Silke Scheuermann · Lutz Seiler · Jan Wagner · Peter Weber · Ron Winkler · alle ...

1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013