Lose Blätter. Zeitschrift für Literatur
 

Aktuell

Inhalt
Hefte
Sonderhefte
Autorenregister

Special
Marcel Beyer
Durs Gruenbein
Michel Tournier

Presse

Bezug
Bestellung
Bibliotheken

Kontakt

Eine gekürzte Fassung dieses am 11. Dezember 2000 geführten Gesprächs erschien in Heft 15 der Losen Blätter.
 
Ich bin ein Schmuggler der Philosophie
Renatus Deckert im Gespräch mit Michel Tournier
 
Es gibt über Sie einen Lexikoneintrag, den Sie selber vor zwölf Jahren verfaßt haben. Darin bezeichnen Sie als das größte Ereignis des Jahres 2000 Ihren Tod. Als ich das las, bin ich sofort in den Zug gestiegen ...
   Ja, das ist mein Nekrolog. Und wissen Sie, ich habe noch drei Wochen, um Recht zu behalten. Denn heute ist erst der elfte Dezember.
 
Als Ernst Jünger starb, haben Sie geschrieben: »Ich glaube, daß es nie ein Zufall ist, wie lange ein Schriftsteller lebt.«
   Es gibt Schriftsteller, zu deren Wesen es gehört, daß sie sehr kurz oder sehr lang leben. Nehmen wir Goethe oder Victor Hugo. Man kann sich nicht vorstellen, daß sie jung gestorben wären. Novalis hingegen mußte noch vor seinem dreißigsten Lebensjahr sterben. Das ist seinem Werk eingeschrieben. Aber vielleicht ist das auch eine Illusion. Wenn Goethe kurz nach dem Werther gestorben wäre, dann hätte alle Welt gesagt: Ja, natürlich! Nach diesem Werk konnte er nur Selbstmord begehen!
 
Ein Freund hat es Hofmannsthal zum Vorwurf gemacht, daß er nicht gestorben ist nach seiner glanzvollen Ära als Loris.
   Ja, sehen Sie! Mein Fall allerdings liegt anders. Ich bin sozusagen ein Spätling. Mein erstes Buch habe ich mit 42 Jahren veröffentlicht. Ich habe kein Jugendwerk.
 
Deshalb müssen Sie alt werden.
   Deshalb muß ich alt werden. Wenn ich jung gestorben wäre, hätte ich überhaupt nichts geschrieben.
 
Möchten Sie 102 werden wie Ernst Jünger?
   Nur, wenn ich jung bleiben würde. Aber ich bin nicht mehr jung. Gestern bin ich auf der Treppe vor dem Haus gestürzt, und jetzt schleppe ich mich durch den Tag. So ist das im Alter. Aber wissen Sie, was das schlimmste ist, wenn man alt wird? Es ist etwas, woran man nie gedacht hätte: Die Freunde sterben. Alle. Meine besten Freunde sind weg. Das ist schlimm. Wenn Sie zwanzig sind und mit Freunden zusammen, würden Sie nie auf die Idee kommen zu denken: Die werden sterben, und ich werde weiterleben. Doch wenn sich das verwirklicht, das ist scheußlich.
 
Woran schreiben Sie gerade?
   Ich habe mehrere Töpfe auf dem Herd stehen. Das ist nicht gut. Der große Roman, der mir vorschwebt, ist ein Roman über Vampirismus. Sie wissen ja: Manchmal suche ich mir Felder aus, die schon hundertmal beackert worden sind, Mythen, die alle Menschen kennen. Als ich über Robinson Crusoe schrieb oder über Kaspar, Melchior und Balthasar, stand ich in einer langen Tradition. Auch die Gattung Vampir-Roman hat eine Tradition. In die will ich mich einreihen. Aber darüber will ich nicht sprechen, denn ich pflege über die Werke, die ich gerade schreibe, zu schweigen.
 
Bringt es Unglück, wenn man darüber spricht?
   Man braucht nicht mehr über etwas zu arbeiten, was man schon besprochen hat. Das lohnt sich nicht. Auf diese Weise sind für mich schon mehrere Themen verschwunden. So wollte ich das Leben des Heiligen Sebastian beschreiben, daraus ist dann nichts geworden. Nein, das ist nicht wahr! Sechs Seiten davon sind in Célébrations, mein letztes Buch, eingeflossen. Ich werde Ihnen die französische Ausgabe mitgeben. Oder wollen Sie lieber die koreanische Übersetzung? Die habe ich gerade zugeschickt bekommen. Voilà! Die sechs Seiten sind sozusagen das Grabmal meines Romans.
 
Im ersten Topf steckt also ein Vampir.
   Genau. Der zweite Plan betrifft einen Roman, den ich für Kinder geschrieben habe. Er heißt Lucio. Leider ist er völlig verschütt gegangen. Kein Mensch hat ihn bemerkt. Das finde ich sehr bedauerlich. Ich denke, das Buch war zu schwierig für Kinder. Vielleicht schreibe ich es deshalb noch einmal, aber diesmal als richtigen Roman. Ich plane einige Kapitel über die Freiheit und die Vernunft. Denn das eigentliche Thema von Lucio ist der Zufall, ohne den es keine Freiheit im Leben gibt.
   Ein anderes Buch, das ich geschrieben habe, heißt Le vol du vampir. Es ist nicht übersetzt worden. Es beinhaltet kleinere Notizen über große Bücher, die ich gelesen habe. Ich möchte ein zweites Buch dieser Art schreiben, aber diesmal über Autoren, die sich für die Landschaft interessieren.
 
In Ihrem Spiegel der Ideen unterscheiden Sie zwischen geographischen Schriftstellern und solchen, die von der Geschichte geprägt wurden.
   Diese Klassifizierung mag vielleicht ein bißchen elementar sein.
 
Sie bietet aber eine erstaunliche Perspektive. Und wie Sie Hermann Hesse und Thomas Mann als Antipoden herausstellen, das leuchtet auf den ersten Blick ein. Sie selber, habe ich gelesen, sehen sich als Geograph.
   Nehmen wir meinen Roman Der Erlkönig, der übrigens ein sehr deutsches Buch ist. Es geht um das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg. Man könnte glauben, das sei ein Roman der Geschichte. Aber das ist nicht der Fall: Das große Thema ist Ostpreußen.
 
Und die Reise.
   Und die Reise. Der Erlkönig ist ein geographisches Buch.
 
Ich habe gelesen, daß Sie vorhatten, ein Buch über den Hochleistungssport in der DDR zu schreiben.
   Es sollte Eva oder Die Republik der Körper heißen. Es ging um die Erscheinung der athletischen Frau. Das finde ich großartig. Es ist eine neue Art und Weise, eine Frau zu sein.
 
Und Sie hatten schon recherchiert?
   Da, sehen Sie mal, die Flaggen! Und ich habe noch eine große Kiste mit Dokumenten. Aber das werde ich nicht mehr schreiben, das wäre Zeitverlust.
 
Sie sind einer der bedeutendsten Schriftsteller Frankreichs und auch international hoch geachtet. Was treibt Sie noch an, sich dieser fürchterlichen Schinderei auszusetzen, die am Ende ein Buch hervorbringt?
   Was soll ich anderes tun? Das ist meine Arbeit. Ich kann doch nicht ausruhen. Aber Sie haben recht. Man muß sich nur einmal vorstellen, daß viele große Autoren der Vergangenheit ihr Werk innerhalb von zwanzig Jahren geschrieben haben, Maupassant innerhalb von zehn. Und wir verfügen über fünfzig Jahre! Was sollen wir tun? Bibliotheken füllen? Nein. Wir haben die Pflicht, so wenig wie möglich zu schreiben.
 
Aber Sie schreiben doch weiter?
   Ja, aber man kann schreiben und nicht veröffentlichen.
 
Aber nach dem Tod kommen die Verleger und wühlen alles durch und suchen in jeder Ritze nach Manuskripten, so wie bei Wolfgang Koeppen, wo alle geglaubt haben, sie finden die Romane, über die er immer wieder geredet hat, in seiner Matratze.
   Aber da bin nicht ich schuld.
 
Sie sagen, das Schreiben ist Ihre Arbeit. Aber was ist Ihr Motiv? Warum schreiben Sie?
   Weil das mein Beruf ist. Ich habe eine Vorstellung von der Schriftstellerei wie von einem Handwerk. Ich bin ein Handwerker der Literatur. Und ich fabriziere einen Gegenstand für mein Publikum. Hätte ich kein Publikum, würde ich nicht schreiben. Das ist kein inneres Bedürfnis bei mir. Bloß nicht! Ich könnte gut und gern aufhören.
   Viel wichtiger ist mir das Lesen. Ich bin immer ein großer Leser gewesen. Ich könnte nicht leben, wenn ich nicht lesen könnte. Und ich verstehe vollkommen, daß sich ein Henry de Montherlant das Leben genommen hat, als er nicht mehr lesen konnte. Er hatte schlechte Augen, das hat er nicht ertragen. Er ist 1972 gestorben.
 
Schreiben Sie, um geliebt zu werden?
   Nein. Es gibt viele Leute, die mich hassen wegen meiner Schriftstellerei. Ich brauche nur meine Kritiken zu lesen. Eine Menge davon ist geradezu haßerfüllt. Würde ich sagen, jetzt schreibe ich nicht mehr, würden sich viele freuen.
 
Woher kommt der Haß?
   Weil ich ein Klassiker bin und gleichzeitig Dinge schreibe, die unerhört sind. Das paßt nicht zusammen. Ich gehöre zur Académie Goncourt. Das ist, als ob ich ein Möbelstück wäre im Museum der Literatur. Aber ich schreibe Sachen, da stehen den Leuten die Haare zu Berge, wenn sie sie lesen. Und sie verstehen nicht, wie man beides sein kann: ein Klassiker und ein Randalierer.
 
Und Sie selber: kommen Sie mit dem Widerspruch klar? Ist es ein Widerspruch?
   Nein, ich schreibe, was ich für die Wahrheit halte. Sehr oft habe ich recht. Und das können die Leute nicht ertragen. Zum Beispiel das, was ich über die Widerstandsbewegung in Frankreich während der Besatzungszeit geschrieben habe. Das steht in Der Wind Paraklet. Ich habe geschrieben: Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl, daß alle Leute Kollaborateure waren und ich als einziger gegen die Kollaboration war. Nachdem aber Frankreich befreit war, da waren plötzlich alle Leute heroische Widerstandskämpfer gewesen. Ich war der einzige, der überhaupt nichts gemacht hatte. Doch so etwas darf man nicht sagen und noch weniger schreiben.
 
Peter Bichsel hat einmal erklärt, daß meistens diejenigen Schriftsteller werden, die als Kind in der Sportstunde nicht über den Bock gekommen sind.
   Bei mir war es Bewunderung, die mich zum Schriftsteller gemacht hat. Ein Kind möchte werden, was es bewundert. Die meisten Jungen heute möchten Fußballspieler werden. Für mich waren die Bücher das Schönste. Das erste Buch, das mich begeistert hat, war Die wunderbare Reise des Nils Holgersson von Selma Lagerlöf. Und ich dachte mir: Wenn du später etwas tust, dann muß es so etwas sein. Ich war neun.
 
Ich glaube, Peter Bichsel hat das so gemeint: Kinder, die beim Fußball als letzte in die Mannschaft gewählt werden, suchen sich ihren eigenen Weg, um bewundert oder auch nur anerkannt zu werden.
   Ich finde, ein Schriftsteller darf nicht bewundert werden, nicht einmal bekannt sein. Ich verlange das größte Licht für meine Bücher und die größte Dunkelheit für mich selbst. Ich bin zufrieden, einen so blöden Namen wie Tournier zu haben. Das ist wie Schmidt oder Müller in Deutschland. Das ist kein Name. Viele Schriftsteller haben sich ein Pseudonym gesucht. Zum Beispiel Julien Gracq, der größte lebende französische Schriftsteller. Gracq ist ein Pseudonym. In Wirklichkeit heißt er Louis Poirier. Birnbaum.
 
Birnbaum ist doch sehr poetisch. In Deutschland gibt es Durs Grünbein und Thomas Rosenlöcher. Das sind Namen: wie geschaffen für Dichter!
   Aber ich möchte nicht bekannt sein. Für mich ist es ein Greuel, wenn man mich fotografiert. Ich wäre bestürzt, wenn man mich auf der Straße erkennen würde. Ein Schriftsteller sollte kein Star sein. Wir sind doch nicht im Kino!
 
Aber Sie schreiben für ein Publikum.
   Meine Bücher müssen bekannt sein, nicht ich. Wissen Sie, mein Fetischbuch ist Freitag oder das Leben in der Wildnis. Das ist eine zweite Fassung, die ich vier Jahre nach Freitag oder im Schoß des Pazifik geschrieben habe. Von diesem Buch sind in Frankreich vier Millionen Exemplare verkauft worden, und ich glaube, es gibt achtunddreißig Übersetzungen. Man hat gesagt, ich hätte eine Fassung für Kinder geschrieben. Aber das ist falsch. Ich schreibe nicht für Kinder. Auch nicht für Erwachsene, für Frauen oder für Landstreicher. Ich schreibe, so gut ich kann. Mit einem Ideal von Klarheit, Knappheit und Konkretheit. Das ist ein Ideal, das schwer zu verwirklichen ist. Wenn ich mich ihm nähere, dann ist das, was ich schreibe, so gut, daß auch Kinder es verstehen. Kinder sind mein Kriterium, nicht mein Ziel.
 
Sie sagen, daß Sie sich als Handwerker begreifen.
   Ich schreibe Bücher, aber ich bekomme auch viele kleinere Aufträge. Jedes Jahr fragt mich zum Beispiel eine englische Zeitung nach dem französischen Buch des Jahres. Dann schreibe ich soundsoviel Zeilen. Das ist ein Auftrag. Genau wie ein Schuster, der ein Paar Schuhe bekommt, um sie zu flicken. Das bin ich. Man sagt mir genau, was man haben will und bis wann. Wie bei dem Schuster dreht sich auch bei mir alles um Qualität, Quantität und Frist. Ich bin ein gewissenhafter Handwerker.
 
Sie bekommen auch aus Stockholm jedes Jahr einen Brief mit der Bitte, einen Vorschlag für den Nobelpreis einzureichen.
   Ja, aber das ist verrückt. Wissen Sie, die Leute in Stockholm haben nur ein Ziel: Sie wollen überraschen. Sie suchen das fünfbeinige Vieh. Aber ich finde das nicht interessant. Nur vor zwei Jahren mit Günter Grass haben sie richtig gewählt. Aber dieser Chinese! Kein Mensch kannte ihn. Nur vielleicht ein Mitglied der Schwedischen Akademie hatte eine vage Ahnung von ihm. Ich finde das ein komisches Spiel.
 
Was ist Ihr Handwerkszeug: ein Blatt Papier, ein Bleistift oder eine Schreibmaschine?
   Ich schreibe mit der Hand auf Papier. Das hier ist mein Füllfederhalter mit einer Feder. Viel später tippe ich dann meinen Text auf der Maschine. Erst muß ich einen großen Teil des Romans mit der Hand geschrieben haben.
 
Verändern Sie viel? Oder ist schon der erste Wurf der entscheidende?
   Ich korrigiere kaum noch. Denn ich habe vorher lange nachgedacht. Alles steht in meinem Kopf. Ich arbeite wenig auf dem Papier. Ich brauche nur abzuschreiben, was in meinem Kopf steht.
 
Ist da manchmal der Gedanke: Etwas denkt in mir? Das bin nicht ich, der schreibt? Ich bin nur das Werkzeug?
   Das Manuskript ist einem Tier oder einem kleinen Kind sehr ähnlich. Es lebt. Es will dies und das. Es stellt mir Aufträge. Es sagt mir plötzlich: Du mußt eine Weltreise machen. Das weiß ich am Anfang noch nicht. Das hat mir plötzlich das Manuskript gesagt. Da muß ich also meine Koffer packen und abreisen. So ging es mir mit den Zwillingssternen. Es ist ein Buch über Zwillinge. Ich bin kein Zwilling. Ich bin dagegen, über mich selber zu schreiben. Der autobiographische Roman ist für mich das allerletzte. Meine Helden sind stets Menschen, die keinen gemeinsamen Nenner mit mir haben. Ich schreibe also über Zwillinge. Plötzlich merke ich, daß sie sich trennen wollen. Der eine will seinen Bruder loswerden, und der andere läuft ihm nach. Sie machen eine Reise um die ganze Erde. Ich habe diese Reise gemacht. Für mein Buch habe ich den kanadischen Kontinent per Eisenbahn durchquert, von Vancouver nach Montreal, zwei Nächte und drei Tage im Zug. Ich glaube, ich gehöre zu den letzten, die diese verrückte Reise gemacht haben.
   Als ich Der Goldtropfen schrieb, sagte mir das Manuskript plötzlich: Dein Held geht in einen Schlachthof. Ich war nie in einem Schlachthof gewesen. Also bin ich nach Chartres gefahren und habe einen scheußlichen Vormittag in einem Schlachthof verbracht. Daraus ist dann eine Seite für meinen Roman geworden. Eine Seite! Aber diese Seite hätte ich nie schreiben können ohne den Vormittag im Schlachthof. Das war wie ein Befehl meines Manuskripts.
 
An Ihren Büchern fällt auf, daß Sie in jeder Hinsicht Kenntnisse zu haben scheinen. Zum Beispiel im Erlkönig, wenn es um Geweihe geht.
   Meine Arbeit ist sehr aufwendig. Ich brauche fünf oder sechs Jahre, um einen Roman zu schreiben. Allein die Vorbereitung dauert drei Jahre. Dazu gehören Reisen und Befragungen. Zum Beispiel habe ich festgestellt, daß sich die Vampire in der Pariser Métro aufhalten. Für meinen Roman bin ich deshalb sehr oft in den Tunneln da unten, auch nachts, wenn es gefährlich wird.
   Auch der Erlkönig ist aufwendig recherchiert. Ich war einer der ersten, der Albert Speer und Baldur von Schirach, den ehemaligen HJ-Führer, besucht und befragt hat, nachdem man sie aus dem Gefängnis in Spandau entlassen hatte, wo sie eingesperrt waren. Ich war in Ostpreußen und in Rastenburg, wo Hitler seine Wolfsschanze hatte. Alles das, was ich über die Napola geschrieben habe, die Nationalpolitische Erziehungsanstalt, finden Sie wahrscheinlich nirgendwo anders.
 
Das hat Ihnen der Schirach erzählt?
   Nicht Schirach. Der war nie dort. Das ist sehr amüsant und etwas, was ich lernen mußte. Er war da mit seinen Söhnen, und ich sagte: Ich möchte alles über die Napolas wissen. Wahrscheinlich wurden doch Ihre Söhne in Napolas erzogen. Schirach sagte: Meine Söhne in Napolas? Kinder, seid Ihr in Napolas gewesen? Natürlich nicht, Vater! Denn die Napolas gehörten zur SS, die Partei hatte die Adolf-Hitler-Schulen. Das durfte man nicht verwechseln!
 
Und die Leute haben Ihnen Auskunft gegeben?
   Die Leute sprechen sehr gern über ihre Vergangenheit oder über ihren Beruf. Ich habe auch in Chartres mit Leuten im Schlachthof gesprochen.
 
Wann schreiben Sie: früh am Morgen oder spät in der Nacht?
   Nie. Ich schreibe, wann ich kann, das heißt, sehr selten.
 
Da gibt es keine Vorliebe, keine Gewohnheit, so wie bei Thomas Mann, der nicht vom Schreibtisch aufstand, wenn er am Vormittag nicht seine Seite geschrieben hatte?
   Nein, so bin ich nicht. Ich schreibe, wenn ich etwas zu schreiben habe.
 
Man hat immer was zu schreiben, wenn man drei Töpfe auf dem Herd hat!
   Ich führe ein Tagebuch, das ist das Gegenteil von einem intimen Tagebuch. Ich habe dafür ein Wort erfunden: extim. Das heißt, ich schreibe nur über Besucher und über Einzelheiten aus meinem Garten und über das Wetter. Früher führten die Bauern, die große Felder und eine große Familie hatten, ein Tagebuch, das nannte man: Le livre de raison. Das war genau das. Sie schrieben nicht über ihre Gemütszustände, das ist auch nichts für mich. Meine Gemütszustände interessieren mich nicht, ich habe sie natürlich, aber das betrachte ich als uninteressant. Aber diese zwei Stürze gestern, die muß ich aufschreiben.
 
Sie wohnen eine Dreiviertelstunde mit dem Zug vom Pariser Zentrum entfernt. In einem Ihrer Bücher steht in der biographischen Notiz: Ist in Paris nur, um mit seinen Freunden von der Académie zu tafeln. Woher kommt Ihre Abneigung gegen Paris?
   Ich bin in Paris geboren und habe diese Stadt von Anfang an gehaßt. Ein Kind kann in Paris nicht glücklich sein.
 
Es gibt viele Parks.
   Nein, es ist so mies! Gehen gelernt habe ich in einem scheußlichen kleinen Stadtgarten, le square Louis-Seize. Es befand sich dort die Gruft, wo man die Leute, die bei der Revolution geköpft worden waren, beerdigt hatte. Eben Louis den 16. und auch Marie Antoinette. Es gibt dort eine Kapelle. Alles ist furchtbar traurig! Dort habe ich meine ersten Kinderschritte gemacht. Ich war derart kränklich mit sechs Jahren, daß der Arzt zu meinen Eltern sagte: Wenn er weiterleben soll, dann müssen Sie fort. Und meine Eltern sind umgezogen nach Saint-Germain-en-Laye. Dort habe ich bekommen, was ich brauchte: einen Garten, ein Fahrrad, einen Hund, eine Katze, einen Wald. Das braucht ein Kind. Und das gibt es nicht in Paris.
 
Aber jetzt sind Sie erwachsen! Da hat Paris alle Vorteile: das Theater, die Oper ...
   Vielleicht könnte ich in München leben oder in Zürich, meinetwegen in Vancouver, Rom. Aber Paris? Nein. Ich habe keinen Sinn für Paris. Diese ganze Pariser Legende! Wenn Joséphine Baker singt: J’ai deux amours! Mon pays et Paris! Puih! Das finde ich so scheußlich!
 
Seit über vierzig Jahren wohnen Sie im Pfarrhaus von Choisel. Kommen Ihnen hier auf dem Land Ideen für Ihre Romane?
   Das war wirklich Land, als ich hier angekommen bin. Kühe gibt es aber auch jetzt noch in der Nähe.
 
Haben Sie Ideen, wenn Sie Kühe sehen?
   Da bin ich zufrieden. Denn ich bin auf dem Land. Das ist doch das Symbol. Und ich lebe in sehr engen Beziehungen zur Bevölkerung des Dorfes. Als ich hier im Pfarrhaus ankam, dachte ich, es wäre doch schön, wenn ich eines Morgens einen Säugling auf meiner Türschwelle finden würde. So ist es nicht gekommen, aber beinahe. Eines Tages kam eine Frau zu mir und sagte: Sie kennen mich nicht, aber ich wohne im Dorf, und ich habe vier Kinder, die gleich in der Kirche getauft werden, und ein Pate ist nicht gekommen. Wollen Sie ihn nicht ersetzen, das dauert fünf Minuten! Ich nahm eine Jacke und ging hinüber, und ich bekam in die Arme einen kleinen Lorenz. Und dann haben mich die Leute zu einem Glas eingeladen. Ich ging also in dieses Haus, es war scheußlich: acht Kinder, asiatische Verhältnisse! Ich habe mich für dieses Kind interessiert. Da haben Sie sein Bild mit zehn Jahren! Als er sieben war, da nahm ich ihn zum erstenmal auf Urlaub mit, und als wir zurückkamen, sagte er: Ich wohne viel lieber bei dir als bei meinen Eltern. Kann ich nicht bleiben? Da habe ich die Eltern gefragt, und die sagten: Oh, nehmen Sie ihn! Und wenn Sie noch einen zweiten haben wollen: kein Problem! Und so ist er siebzehn Jahre bei mir geblieben. Jetzt ist er 42, hat geheiratet und hat drei Kinder, die mich Papi Michel nennen. So, das ist mein ganzes Privatleben.
 
Von Flaubert stammt das Wort: »Man kann Schaffen und Einsamkeit nicht trennen.« Brauchen Sie das Land?
   Ich verstehe nicht, wie man in großer Gesellschaft schreiben kann, wie zum Beispiel Jean-Paul Sartre, der im Café Les Deux Magots schrieb. Kann man das tun?
   Man muß frei sein, aber die Freiheit kostet viel. Erstens Einsamkeit: Wenn man in einer großen Gruppe verwurzelt ist, hat man keine Freiheit. Zweitens Unsicherheit. Denn man weiß nie, wie es ausgehen wird. Ich kann jahrelang an einem Roman arbeiten, schließlich gebe ich ihn auf. Da habe ich umsonst gearbeitet. Auch wenn ein Buch fertig ist, weiß ich nie, was es bringt. Die meiste Zeit bringt es so gut wie nichts. Ich kann mich nicht beklagen. Ich kann von meinen Büchern leben. Aber ich bin leider eine Ausnahme. Sie sehen: Freiheit, Einsamkeit, Unsicherheit. So ist das.
 
Ich selber, wenn ich einen Tag lang geschrieben habe, dann bin ich am Abend froh, in Paris zu sein. Ich kann ausgehen und meinen Kopf lüften und mich ein bißchen zerstreuen.
   Wo wohnen Sie? Haben Sie eine Wohnung in Paris?
 
Ich habe eine wunderbare Dachkammer am Montparnasse.
   Eine Dachkammer! Hahaha! Wieviel brauchen Sie, um in Paris zu leben? Für Essen, Dachkammer ...
 
Es ist teurer als in Berlin. Vielleicht viertausend Francs oder ein bißchen mehr.
   Viertausend Francs, das ist sehr wenig. Hahaha! Gut, gut! Aber fahren Sie fort!
 
Ich würde Eulen nach Athen tragen, wenn ich Ihnen von der philosophischen Struktur erzählte, die Ihrem Erlkönig zugrundeliegt. Wie haben Sie das Thema der Phorie gefunden?
   Hier, sehen Sie! Diese Statue, das ist die Phorie. Ein Christophorus. Eigentlich ist es Josef, der das Christuskind im Arm hält, der Pseudo-Vater.
 
Selbst in Goethes Gedicht fällt einem zuerst das Motiv der Verführung ins Auge.
   Im Französischen ist die Verbindung augenscheinlicher. Es gibt: porter un enfant wie Saint Christoph und emporter un enfant, also ein Kidnapping wie ein Raubtier.
 
In Ihrem Lexikoneintrag beschreiben Sie Ihr Grabmal so: »Es zeigt, in Stein gehauen, eine liegende Gestalt. Diese wird, das Gesicht durch ein aufgeschlagenes Buch verdeckt, von sechs Schülern getragen ...«
   Das ist schön: von Kindern getragen werden. Das ist die Anti-Phorie, wenn die Kinder den Erwachsenen tragen.
 
Sie haben erst spät zum Roman gefunden, vorher lange Philosophie studiert. Ihr erster Roman Freitag oder im Schoß des Pazifik erschien 1967. Waren die Jahre davor Ihre Lehrjahre, die Sie erst dazu befähigt haben, Schriftsteller zu sein?
   Ich wollte Philosophie-Professor werden. Dazu ist es nicht gekommen, denn ich bin bei der Agrégation durchgefallen. Und dann wußte ich nicht, was ich mit meiner Philosophie machen sollte. Die Türen der Universität waren mir verschlossen. So habe ich meine Brötchen beim Rundfunk verdient und das große Publikum entdeckt. Ich habe mir gesagt: Du mußt für dieses Publikum schreiben: Abenteuerromane mit Reisen und Liebesgeschichten, mit Geldaffären und Morden. Aber das ist nur ein Bildmantel, darunter liegt die Philosophie. Ich bin ein Schmuggler der Philosophie.
 
Und doch ist Ihre Dichtung mit diesem roten philosophischen Faden, der immer wieder hervorlugt, keine angewandte Philosophie wie etwa Platons Dialoge.
   Nein, das geht viel weiter. Zum Beispiel: Pierrot oder das Geheimnis der Nacht. Das ist die Ontologie. Und Amandine oder die beiden Gärten, das ist die Metaphysik, und zwar so gut erzählt, daß es für Kinder verständlich ist. Sie interessieren sich für diese Geschichten. Amandine und Pierrot, das ist das Höchste, was ich geschrieben habe. Das große Problem für Amandine ist dieser Blick aus dem Fenster. Sehen Sie: der Garten und dahinter eine Mauer! Und die Frage für Amandine, ein siebenjähriges Mädchen, ist: Was ist hinter der Mauer? Genau das ist Metaphysik. Nicht Metaphysik, sondern Meta-Mauer. In Dresden habe ich für Amandine den Preis für das beste Kinderbuch bekommen, ich glaube 1985. Da schrieb eine große offizielle Zeitung: Das ist natürlich eine politische Metapher, denn die Mauer, das ist die Berliner Mauer, und die kleine Amandine ist ein sozialistisches Mädchen, sie geht hinter die Mauer und findet nur scheußliche Sachen. Das war sehr gut! Hahaha!
 
Wie erklärt sich Ihre intensive Beziehung zu Deutschland?
   Das gehört zu meinem Wesen. Meine Eltern waren Germanisten. Sie haben mich mit einem Fuß in Deutschland erzogen. Ich bin total sprachunbegabt ...
 
... Sie und sprachunbegabt?
   Mein ganzes Leben lang habe ich mir anhören müssen, wie meine Eltern gejammert haben: Er wird nie ein Wort deutsch sprechen! Da aber ist die Philosophie dazugekommen. Sie war ein Grund, nach Deutschland zu fahren. Denn die Philosophie besteht aus Altgriechisch, Latein und Deutsch, vielleicht auch aus Französisch. Deshalb bin ich 1946 nach Deutschland gefahren. Ich hatte eine sehr glückliche Zeit, aber sie hat mich meine Philosophie-Laufbahn gekostet, denn ich bin aus dem System der französischen Universität herausgefallen. Als ich 1950 zurückgekehrt bin, gehörte ich nicht mehr dazu. Es gab da eine schriftliche Prüfung, und ich hatte keine Ahnung, worum es ging. Ich hatte alles erwartet, nur das nicht.
   Es gibt aber noch ein besseres Beispiel. In Tübingen kannte ich einen Franzosen, der Germanistik studierte. Er blieb mit mir vier Jahre dort, um sich auf die germanistische Agrégation vorzubereiten. Dann habe ich ihn aus den Augen verloren. Vor ein paar Jahren habe ich ihn wiedergetroffen, und er erzählte mir, daß er, als er nach vier Jahren Studium in Tübingen zurückkehrte, um die Prüfung abzulegen, rausgeschmissen wurde. Das ist unglaublich! Schon für Philosophie ist es unglaublich, aber für Germanistik!
 
Den Abschluß in Deutschland wollten Sie nicht machen?
   Nein, ich wollte nicht mein ganzes Leben in Deutschland verbringen. Vielleicht hätte ich die Möglichkeit gehabt, im System der französischen Institute in Deutschland meine Brötchen zu verdienen und ganz und gar in Deutschland zu bleiben. Aber das wollte ich nicht. Ich wollte etwas anderes anfangen.
 
Welche deutschen Schriftsteller schätzen Sie am meisten?
   Thomas Mann ist für mich sehr wichtig. Und natürlich Goethe. Hermann Hesse, Ernst Jünger. Heinrich Böll. Günther Grass.
 
Welche Rolle hat der Schriftsteller in einer Gesellschaft?
   Ich glaube, für einen Schriftsteller ist es eine große Chance, ein Franzose zu sein. Denn in Frankreich werden die Schriftsteller mehr geehrt als irgendwo sonst in der Welt. Als Mitglied der Académie française sieht man zum Beispiel regelmäßig den Staatspräsidenten. Mitterrand ist dreimal zum Mittagessen hierhergekommen, als er Präsident war. Das wäre undenkbar in Deutschland.
 
Was wollte er denn, der Präsident?
   Das war so: Ein deutscher Fotograf namens Konrad Müller ist mit einem Bildband über Willy Brandt zu Mitterrand gegangen und hat gesagt: So ein Buch möchte ich über Sie machen. Mitterrand war einverstanden, und Müller hat angefangen, ihn zu fotografieren. Irgendwann stand schließlich die Frage im Raum: Wer soll den Text schreiben? Ich weiß nicht warum, aber Mitterrand hat gesagt: Warum nicht Tournier? Der Grund war vielleicht, daß ich viel über Fotografie geschrieben hatte. Eines Tages rief mich Konrad Müller an und sagte: Ich habe einen Termin beim Präsidenten, um ihm die Fotos zu zeigen. Wollen Sie mitkommen? Ich sagte natürlich ja. Ich hatte Mitterrand nie gesehen. So ging ich hin. Wir betrachteten die Bilder, und am Ende sagte Mitterrand: Ich habe gehört, daß Sie ein Pfarrhaus in der Vallée de Chevreuse bewohnen. Wenn Sie mich einladen, komme ich Sie gern besuchen. Ich habe gesagt: Herr Präsident, ich lade Sie ein! Das war im Mai. Im August bekam ich einen Telefonanruf: Hier ist das Sekretariat des Präsidenten. Er hat vor, nächsten Mittwoch zu Ihnen zum Mittagessen zu kommen. Ich war bestürzt. Ich sagte: Wie? Wieviele Leute werden denn kommen? Nur wenige, war die Antwort. Vier oder fünf. Sie sehen, der Tisch hier ist nicht gerade groß. Ach, das war was! Alles habe ich neu kaufen müssen: Teller, Gläser ... Ich habe fast den Laden leergekauft. Da sagte die Verkäuferin zu mir: Aber Herr Tournier, man könnte glauben, Sie werden den Staatspräsidenten einladen! Im nächsten Jahr ist er wiedergekommen, und das Jahr darauf noch einmal. Anscheinend war es für ihn nicht unangenehm.
 
Und haben Sie selber gekocht?
   Ich hatte eine Dame gefunden, die die Küche übernommen hat. Viel schlimmer war die Polizei! Schon um neun Uhr morgens war die ganze Gendarmerie hier und beguckte alles. Das war scheußlich! Aber amüsant.
 
Sollte ein Schriftsteller es sich zunutze machen, daß er ein Publikum hat, sich einmischen in der Gesellschaft, auch politisch?
   Ich bin kein Intellektueller wie Bernard-Henri Lévy oder Jean-Paul Sartre. Ich will das auch gar nicht sein. Es ist mir ein paarmal passiert, daß ich politische Ansichten geäußert habe oder zu aktuellen Fragen Stellung nahm. Das war ein Irrtum. Natürlich habe ich meine Meinung, aber die sollte ich nicht zum Audruck bringen. Ich bin Schriftsteller und schreibe Romane, Essais und Märchen. Schluß!
 
In Ihrem Spiegel der Ideen schreiben Sie über die Verschiedenheit von Lyrik und Prosa: »Gleich den Töpfen des Eisenwarenhändlers strebt die Prosa auf ihre Vernichtung zu. Ganz andersgeartet sind die Worte der Dichtkunst, die stets nach Ewigkeit trachten.« Hätten Sie nicht besser Gedichte schreiben sollen?
   Ich habe nie ein Gedicht geschrieben. Der große Unterschied zwischen Dichtung und Prosa ist der, daß für den Prosaautor die Sprache Instrument zum Zweck ist. Für den Dichter hingegen sind die Wörter nicht Mittel, sondern Zweck. Aus diesem Grund kann man Prosa übersetzen, man nimmt eben Wörter aus einer anderen Sprache. Aber Dichtung kann man nicht übersetzen. Denn man kann die Wörter eines Gedichts nicht ändern.
 
In dem vorhin erwähnten Lexikoneintrag kann man von Ihrem pompösen Begräbnis lesen: »Unter den Klängen des Allegrettos von Beethovens siebenter Symphonie bewegt sich der Trauerzug zum Panthéon.« Werden Sie dort begraben?
   Nein, nein! Das fände ich scheußlich. Ich will hier in meinem Garten begraben werden. Es ist so lächerlich, daß ein André Malraux im Panthéon liegt, so grotesk.
 
Nun, zum Glück ist das ja noch ferne Zukunft. Eigentlich wollte ich Sie fragen, ob Schriftsteller schlechte Propheten sind, weil das Jahr 2000 fast zu Ende ist.
   Es ist aber nicht ganz zu Ende. Ich habe noch ein paar Wochen.
 
Ich werde warten mit der Veröffentlichung, bis es sich erwiesen hat, daß Sie ein schlechter Prophet sind!
   Hahaha!
 
 
Mehr von Michel Tournier? » Register.
 
 

Ulrike Draesner · Adolf Endler · Wolfgang Hilbig · Silke Scheuermann · Lutz Seiler · Jan Wagner · Peter Weber · Ron Winkler · alle ...

1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013