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Peter Weber
Kupplerin
  Heft 38
 
O reist in einem Zug mit der Aufschrift Wien–Westerland von Prag nach Dresden. Er sitzt im leeren Sechserabteil der zweiten Klasse, schläft als Ostschweizer ein, hört Englisch und erwacht als Slowake wieder. Ein Ehepaar ist zugestiegen, ein Professor und seine Frau, Bildung und Zuvorkommenheit, sie sind sehr reiseselig, sitzen auf den Plätzen zum Gang. Der Kondukteur, der in der Tür erscheint, bringt sein bestes Englisch an, sie geben sich freimütig als Schotten zu erkennen, als der Schaffner fragt, ob sie Amerikaner seien. Den eben Erwachten spricht der Kondukteur auf Tschechisch an, auch weil er eine tschechische Fahrkarte zeigt, O nickt, um nicht reden zu müssen, er hat offenbar richtig genickt, der Kondukteur bringt eine Höflichkeitsformel an und schliesst die Abteiltüre wieder. O schüttelt den schläfrigen Kopf, als der Professor und seine Frau umgehend ihr allerfreundlichstes, kontinentfüllendes Englisch anbringen möchten, Frühstücksenglisch, gewillt, in Verbindung zu bringen, davon ausgehend, dass wenigstens ein paar Floskeln Kontakt ermöglichten. O schüttelt nur den Kopf, ist im Schlaf erwischt worden, er hat keinen Kaffee bekommen und fühlt sich allgemein fremd. Er sinkt barsch in seine Schlafstellung zurück, als hätte er die Nacht durchgearbeitet. Er hat sich vorgenommen, Blaugrünverläufe einzulesen ins halbwache Hirn, mit einem Auge, das er nun offen hält, er möchte Moldau und Elbe sehen, die tschechische und die sächsische Schweiz. Bald hört er den Professor über die Slowakei dozieren, in Prag seien sie eben Englisch gewohnt durch die vielen Amerikaner, die halb Prag aufgekauft und die Fassaden übermalt hätten, zudem überall die Engländer, die das tschechische Bier so liebten. In Bratislava, wo dieser Zug durchgefahren wäre, sei das schon anders, dort sei Englisch nicht so geläufig. Das schottische Liebespaar muss über O hinwegschauen, wenn es den Flusslauf sehen will.
   »It’s very pretty!« O hört wachsende Verzückung, während er im Sitz lagert, unbewegt, ein Wechselblüter, halberweckt. Sie sprechen ihre Privatsprache, werfen Kosenetze übereinander, sich küssende Wendungen, mit gurrenden, rollenden Konsonanten. Er sieht sie nicht, er hört nur Zuneigung, lebendige Liebe, feine Pausen, verzögertes Lachen. Sie essen, den Geräuschen nach zu folgern, aus ihren Rucksäcken, sie servieren sich gegenseitig Tee, auf sächsischem Reiseporzellan, wie der Professor anmerkt, Elbporzellan, nach Meissen führt ihre Reise. Der Wahlslowake bleibt störrisch, obwohl die Lüftung die Hälfte des Körpers längst ausgekühlt hat, draussen scheint die Sonne, das rechte Auge fliesst durchs pralle Grün des Vormittags, das linke bleibt geschlossen. Das wache Auge liest eine Bilderschlaufe ein, die sich in die Windungen der einen Hirnhälfte legt, der entlegeneren Hirnhälfte, wie O weiss, jener über dem schlafenden Auge. »Marvellous, gorgeous, very pretty.« Die fettgrüne Elblandschaft gleicht jener der Aare, die meisten Reisen nordwärts aus der Schweiz führen durch die Flusswelten des Aargaus: kleines Deutschland, flachlandschaftlich, zentrumslos, mit vielen alten Flussstädten. Zwischen tschechischer und sächsischer Schweiz erhalten die Ortsnamen deutschen Beiklang, bei jedem Bahnhof wird auf den Schildern eine weitere Silbe gedreht, der Zug fährt wunderrunde Kurven, Auenland, Sandsteinhinterräume, Erosionslücken, prächtig ausgeregnet, von Wassern in Jahrtausendarbeit schöngefressen. Jedes abgetragene Sandkorn erreicht die Elbe, sie verlangt danach, selbst die Windkörner lässt sie flusswärts tragen. Sie ist nach wie vor nicht so breit wie in Liedern besungen, sie ist schmaler als vorgestellt, aber reich und trotzig beschifft. Einen viel zu grossen Schaufelraddampfer führt sie mit, die Leipzig, bedeutend länger als die Elbe an dieser Stelle breit, sie kann erst an der Sprachgrenze gewendet werden.
 
Als O in Dresden an einer Stehbar Kaffee trinkt, ist sein Ohr gefüllt mit Koselauten, die er A ins Ohr geben will. Sommerwende, er trifft sie an überwölbten Gleisen, der Bahnhof steht unter hellem Segeldach. Grosser Umbau, sie gehen auf Schiffsholz, wagen einen Ausflug in die jüngste Vergangenheit, bevor sie nach Frankfurt weiterreisen. Gleich beim Ausgang seitlich entstehen Quaderbauten, Glas und Mass, dahinter sind tiefe Baugruben. Über einen provisorischen Holzsteg, Schiffsplanken, gelangen sie an die Prager Strasse. Neue Marktwirte wohnen in den Gemäuern des alten Plans, übergangslos, O und A gehen durch Seitengässchen zum Zwinger, der sächsische Barock: Perlminutenbrüter, öffnet alle Muscheln. Sie drehen sich nie um, laufen in die Gegend, wo sie Gegenwart vermuten, vorbei an der Oper auf die alte Brücke. Als sie sich über der Elbe umdrehen, machen die Liebesaugen und die Abendsonne gemeinsame Sache, wünschen zusammen, schenken dem Stadtgesicht unversehrte Haut. Die Fassaden zeigen sich lichtfrisch, die hellste Kuppel mädchenhaft: Trabantentransporterin, alle anderen Kuppeln farbfiebrig, durchglimmt. Lichtinseln.
   Polyrhythmuswachen auf der schrägstehenden Kathedrale, auf den Dächern der Seitenschiffe und des Hauptschiffes. Die Steinfiguren, streng gereiht, behalten alle Richtungen des Himmels im Blick, sie dirigieren die Sonne zu ihrem Sommerplatz, sie leiten Licht weiter, lenken Strahlen, scharfe Schatten werfend. Je sieben Wächter auf dem Hauptschiff, je neun auf den Seitenschiffen. Die Abendsonne geht unter, wo auch O und A sie hinwünschen, an der Stelle mit der höchsten Trostkraft. Der längste Tag des Jahres, roter Wasserwesten, die Elbe lässt ausschlängeln, das Sandufer: ein Fraktalverlauf, im Schilf wohnen Apfelmännchen. Auf der anderen Seite der Brücke die Elbrundwiese. Die Leute liegen auf Tüchern im wilden Gras, Queckgras, Freundeskreise, Familien unter Mücken, die sich vom letzten Licht erwischen lassen: Glimmschwarmflug. Ein einziges kleines Motorboot wirft bescheidene Wellenfolgen in der ruhigen Flusskurve, die kommende Röten spiegelt.
   Später der prächtigste Nachdämmerungsbogen in trockener, kontinentaler Luft, die beiden seltenen Türkistücher über dem Westhorizont, orange Höfe links und rechts des Untergangspunkts: Tauchorange über dem Elbtal. Bei offenem Purpurfenster fährt dann die Leipzig ein, die sächsische Dampfschifffahrt leistet zusätzliche Fassadenarbeit, die Flotte ist Teil des Stadtbilds, grünweisse Raddampfer mit ihren Schwungrädern, selbst die Schiffe neueren Datums zeigen Schaufelräder oder Scheinschaufelräder. Die leere, aber voll beleuchtete Leipzig gliedert sich hinter der Dresden ein, hinter ihrem Zwillingsschiff. Die Elbe verdoppelt den nun vollständigen Schiffsfries umgehend, sie schenkt den stehenden Dampfern Unterkörper. Langzeitbelichtung bei glattem Wasser: Spiegelbilder führt sie flussabwärts, schwimmende Stadthäute, sandgetragen, risslos. Häuser, die fehlen, setzt sie ein, indem sie alles Frühere aufwühlt, ergänzt, Körnchen einfüllt, Körnchen tauscht. Sommerwende, und alles küsst sich.
   Weitere Kussbilder werden elbabwärts fliessen, sich mit Wasserbildern der Saale und der Spree verbinden, so finden Merseburg, Halle und Berlin in Hamburg zusammen, und wo zerstörte Häuser fehlen, wirbelt die sandselige Elbe Schiffe hin.
   Die Stadtbilder lösen sich erst später in der Nordsee auf, sie zerkieseln in den Salzen, die Körner werden gleichmässig an den flachen Stränden der Nordseeküste angespült, vereinzelt in die Dünen geblasen. In der Luft Aerosole.
 
 
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1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013