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Ingo Schulze
Unsere Füße
  Heft 40
 
Mein Onkel F., der kein richtiger Onkel ist, sondern der jüngste Vetter meines Großvaters, erzählt seit einigen Jahren vom Krieg. Er hat, wie er es nennt, den Polenfeldzug mitgemacht, den Frankreichfeldzug, den Russ­landfeldzug. 1943 bekam er Fleckfieber, lag in Dresden im Lazarett und wurde Mitte 1944 nach Italien verlegt. Dort, an beiden Füßen verwundet, verbrachte er mehrere Monate in Ferrara. Obwohl er nicht auftreten konnte, zählte man ihn zu den leichteren Fällen. Seit ich Onkel F. kenne, schwankt er beim Gehen stark hin und her, als würde er beim nächsten Schritt umkippen.
   Was er über den Krieg sagt, verstehe ich, auch wenn es mich befremdet und ich wünschte, er würde anders darüber sprechen. So erzählt er zum Beispiel, wie peinlich es ihm war, dass seine Einheit auf dem Rückzug zum Teil wieder durch jene Dörfer und Städte kam, die sie schon mal auf dem Vormarsch durchquert hatte. Von Italien erzählt er immer nur eine Begebenheit:
   Nachdem er sich auf Krücken wieder bewegen konnte, schleppte er sich eines Nachts aufs Klo. In dem länglichen gefliesten Raum, in dem es auch eine Badewanne gab, lag eine Leiche auf einer Bahre, die bis auf die Füße bedeckt war. Diese Füße ängstigten ihn. Er sagt, sie wären auf ihn gerichtet gewesen. Von da an ging er nachts nur noch ein Stockwerk tiefer aufs Klo. Mich wundert das, weil er doch ganz anderes gesehen hat als Leichen auf einer Bahre.
   »Immer diese Füße!«, sagt er, »diese Füße!« Onkel F. ist kein Schöngeist, vor den toten Füßen aber, sagt er, habe er sich gefürchtet, weil sie ihm wie Krallen erschienen wären, »als wollten sie sich am Leben festkrallen«. Vielleicht hat sein Vergleich mehr mit seiner eigenen Verletzung zu tun als mit einer genauen Beobachtung.
   Trotzdem muss ich oft an seine Erzählung denken, wenn ich – so wie heute in St. Clemente – durch die Schuhsohlen die sanften Unebenheiten des Fußbodens spüre, diese Tag für Tag, Jahrhundert für Jahrhundert polierten Marmorplatten, diese farbigen, zu Ornamenten gelegten Kosmatensteine, die römischen Ziegel im Fischgrätenmuster ... Und jedes Mal entsteht derselbe Impuls: die Schuhe ausziehen und sich mit den nackten Füßen dem Boden anschmiegen, als wäre er warm.
 
 
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1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013