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Isabel Fargo Cole
Eine Runde
  Heft 39
 
Auf meinem täglichen Spaziergang habe ich inzwischen das Gefühl, im Wald umherzuirren; am Ende stehe ich vorm Haus und erschrecke: Hier war ich schon mal. Vielleicht harre ich deswegen so lange auf der Wiese aus. Hier draußen finde ich eher einen Ausweg als zu Hause, denke ich. Ich liege im Gras und warte. Ein alter Mann zieht sich aus. Er hat kräftige Schultern; seine Krücken lehnt er an die Bank, auf der seine Sachen ordentlich gefaltet liegen. Die Bänke säumen den roten Lehmweg vom Parktor zum Springbrunnen, in der Mitte liegen Rabatten aus Männertreu und Steinkraut. Der alte Mann steigt in den Springbrunnen. Die Kinder, die am Brunnenrand spielen, glotzen ihn an. Er setzt sich langsam, bis nur noch sein Kopf gierig hervorschaut. Für die Kinder ist er ein Ungeheuer. Sie spielen, aber ihm ist es ernst. Langsam vergeht den Kindern die Lust.
   Das macht er jeden Tag, der Alte. Für ihn ist der Springbrunnen eine Heilquelle, vielleicht sogar ein Jungbrunnen. Es ist auch wirklich so wie in den mittelalterlichen Darstellungen, von einer Seite steigt der Greis ins Wasser, auf der anderen Seite steigen Kinder heraus.
 
Ich biege in meine Straße ein und sehe Herrn Abelt, wie er vor der Nummer&xnbsp;9 steht und versucht, aufzuschließen. Wer weiß, wie lange schon. Er jedenfalls weiß es nicht. Vor siebzig Jahren wurde er in diesem Haus geboren, als Mann ist er ausgezogen, als Holzfigur mit rotbemalten Wangen steht er nun davor. Steif trudelt er im Kreis.
   Vorletzte Woche erschien Frau Abelt auf einmal in meiner Kellertür und blinzelte mich durch ihre dicke Brille an. »Ach, Sie sind es, ick dachte, mein Mann is hier unten und hackt sich sein Kleinholz.« »Nee, das war ich«, sagte ich, »ich habe ihn nicht gesehen.« »Na dann issa schon wieda ausjebüxt«, meinte sie kopfschüttelnd und ging.
   Ich schaue mich nach dem Sohn um, der manchmal kommt, um Herrn Abelt in die Nummer 3 zurückzubringen, aber heute ist er nicht zu sehen. Fassungslos probiert Herr Abelt die Schlüssel wieder von vorne durch; ich überlege, ob ich ihn unterhaken und mit nach Hause nehmen soll. Aber ich stelle es mir unmöglich vor, ihn anzufassen, wie er dasteht, in einer Zeit vor meiner Geburt. In seinen Augen bin ich nicht seine Nachbarin, sondern ein wildfremder Mensch. Die fünf Jahre, die ich ihm gegenüberwohne, sind ausgelöscht. Er könnte aufschreien und sich wehren, weil es mich nicht gibt.
   Ich gehe weiter. Aber schon beim Aufschließen tut es mir leid, daß ich ihn habe stehen lassen. Viel besser wäre es gewesen, ich hätte ihn am Arm genommen, beruhigt und überredet, mir zu folgen. Dann wären wir zusammen in eine Nummer 3 gegangen, in der weder er noch ich jemals gewohnt haben.
   Ich ärgere mich, die Haustür fällt ins Schloß. In meine Wohnung will ich nicht. Der Briefkasten ist leer. Ich gehe daran vorbei in den Garten. Wer ihn angelegt hat, weiß niemand, auch nicht Abelts, die, als sie fitter waren, die vorgefundenen Wege pflegten, den Teich und die von Efeu erdrückte Laube. Jeder benutzt den Garten auf seine Weise, was man ihm in seiner Ver­wilderung aber kaum ansieht. Claudia hat Kürbisse gepflanzt, die sich am wilden Wein hochranken, und für Lily hat sie einen Sandkasten angelegt, in dem immer wieder Äpfel liegen, deren weiße Fäulnismuster das Kind begeistern. Frank hat sich einen Plastikstuhl vor die Laube gestellt, wo seine Feierabendsonne hinscheint. Beates Hängematte sammelt Zwetschgen und ist inzwischen durchgefault, nur Lily traut sich noch, hineinzuklettern.
   Einen Birnbaum hatten wir auch mal. Es gab Zeiten, da bin ich im Morgengrauen nach Hause gekommen und hatte keine Lust, in meine Wohnung zu gehen. Ich habe mich dann unter dem Birnbaum auf den Boden gehockt, den Himmel und die abgewandten Häuser angestarrt und mich gegen den Baum gedrückt, bis die Aststümpfe sich schmerzhaft in meinen Nacken krallten. Dann konnte ich mir vorstellen, der Baum wäre ein Mensch.
   Vor zwei Jahren ist der Birnbaum in einem Windstoß umgestürzt, quer über den Gartenzaun auf den Asphalt. Ich stand damals am Fenster und sah, wie Herr Abelt kurz darauf im Hof erschien und anfing, den Baum mit einer Handsäge abzutragen. Er bewegte sich langsam und kam nicht weit. Als am nächsten Tag der Notdienst mit Kettensägen Äste und Stamm zerlegte, stand er vor dem Schuppen, fummelte an seiner Mütze herum und traute sich nicht, einzugreifen. Seine Frau am Küchenfenster lächelte böse. Er sah wohl einen Nachkriegswinter ohne Brennholz vor sich liegen.
   Seitdem bin ich nachts nicht mehr in den Garten gegangen. Dabei ist doch ein Baum so gut wie der andere. Ich steige über den immer noch plattgedrückten Zaun. Unter dem Zwetschgenbaum ist ein Fleck ohne Brenn­nesseln. Ich stemme mich gegen den Stamm, der leicht nachgibt, dann dagegenhält, wie ein Erwachsener, dem ein Kind sich an die Beine wirft. Und ich drücke weiter, Zweige im Haar und Kratzer im Nacken, rüttle schwach und trotzig, als hätte ich noch keine Sprache, meine Wünsche zu äußern. Zwetschgen plumpsen in die Brennesseln. Mit einem Mal hockt Lily neben mir, rüttelt mit und grinst mich dabei an, als wäre es ein Spiel.
 
 
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1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 26. Oktober 2017