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Jan Wagner
Schwarze Schafe
Über Ernst Meister
  Heft 37
 
Wo in Berlin die Oranienstraße auf die kleinere, aber kaum weniger belebte Adalbertstraße trifft, gleich gegenüber von einem prallen, bis auf den Gehweg blühenden und wuchernden Blumenladen und unweit der Geburtsstätte des Döner Kebab, findet man das gut sortierte Antiquariat Kalligramm, benannt nach Guillaume Apollinaires berühmten Figurengedichten. Ohne Übertreibung läßt sich sagen, daß ich in dieser Buchhandlung, seit ich vor zehn Jahren erstmals in den Stadtteil Kreuzberg zog, fast ein Drittel meines derzeitigen Regalbestandes erworben habe. Dazu gehört zweifellos auch jener schmale Band aus dem Luchterhand Verlag, der noch in der längst verblaßten Währung des letzten Jahrhunderts ausgezeichnet ist und ausgewählte Gedichte Ernst Meisters mit einem Nachwort von Beda Allemann enthält.
   Wer ein Antiquariat nach dem Stöbern mit einem Buch unterm Arm verläßt, hat ja nicht nur einen Autor und sein Werk erworben, sondern auch einen oder gleich mehrere Leser samt ihrer Lesart des Buches – eine ganze Vorgeschichte, die sich in Kaffeeflecken und Eselsohren, aber auch in Kommentaren und Unterstreichungen äußert. Mit einem Wort: Die Zahl der Botschaften, die von diesem einen Buch ausgeht, hat sich vervielfacht. »Das Salz der See / kann nicht dumm werden«, lese ich also jetzt in den Ausgewählten Gedichten und weiß nicht, ob die Zeilen von meinem Bleistift so dünn akzentuiert wurden – oder ob es sich um einen Hinweis des Vorbesitzers handelt. Eine ganze Reihe solcher Markierungen gibt es, mal diskret, mal vehementer. Ich blättere weiter, stoße auf Meisters Zeilen über »den Tod, der jedem / Gegend ist, / in die er eingeborn / (niemand, der nicht von hier)«, bin mir fast sicher, damals selbst die Linien unter den Worten gezogen zu haben, und finde schließlich, wenige Seiten später, ein Gedicht, das fast vollständig mit einem feinen Rahmen versehen, gleichsam höher gehängt ist. »Ein Kind« heißt es und stammt ursprünglich aus dem Band Lichtes Labyrinth, den Meister 1960 veröffentlichte:
 
Ein Kind
 
Blickt auf die Schale
voll Zeit,
sieht nippen
den grauen großmächtigen
Schmetterling,
 
ein Kind,
und geht,
schwarze Schafe zu hüten
im Finstern.
 
Bilder sind das, in denen man einen Traum wiederzuerkennen glaubt. Dabei entspricht das Zurückgenommene in der Schilderung des Tableaus, die Sparsamkeit der Zeilen, dem ruhigen Ablauf der Dinge. Alles geht en passant und mit großer Folgerichtigkeit vor sich. Und vielleicht ist es ja gerade die Tatsache, daß alles in diesen Zeilen die Beunruhigung des Lesers zu ignorieren scheint, die ihre Wirkung ausmacht. Daß der graue Schmetterling ohne alle Eile nippt, macht ihn schier riesenhaft, wenn auch über seine tatsächliche Größe nichts gesagt wird, und das Idyll wirkt nur um so verstörender&xnbsp;– denn es kann kein Zweifel daran bestehen, daß der Inhalt der Schale, die auch uns gehört, zur Neige gehen wird. Ein Kind aber – vielleicht ist es das Kind – geht Schafe hüten, und wir, die wir durch das Kind anwesend sind, gehen mit.
   Kind, Hirte, Herde: Das sind natürlich Motive – mit starkem religiösen Beiklang noch dazu – denen man in den Gedichten Meisters immer wieder begegnen kann. Die »Hirtin« des gleichnamigen Gedichts aus dem Band Pythiusa ruft in einer rührenden Groteske nicht nur die lebenden Tiere zu sich&xnbsp;– man sieht »in dem Strahlen / einer Liliensonne« auch die Lamm­skelette der geschlachteten neben den warmen Leibern herziehen. In der darauffolgenden Sammlung Zahlen und Figuren heißt es: »Ich war eine Herde&xnbsp;/&xnbsp;und rupfte Erfahrung«, und ein anderes Gedicht geht noch weiter. Unter dem Titel »Das Ich« lesen wir: »Das Ich dünkte sich / Hirte und Hund und&xnbsp;/ wandernde Herde zugleich«. Man wird diese Passagen in dem später entstandenen Gedicht »Ein Kind« mitlesen können wie auf einem mehrmals beschriebenen Pergamentstück, einem Palimpsest – nicht zu vergessen den Titel von Meisters erstem Buch nach Krieg und langem Schweigen, der sehr schmalen Sammlung Unterm schwarzen Schafspelz, die 1953 in der Eremitenpresse erschien.
   Zugleich sind all diese Motive durch und durch klassisch und öffnen einen weiten Echoraum in der Literaturgeschichte. Man kommt kaum umhin, an die alte Schäferdichtung zu denken, wenn sich auch der sehnsüchtige bukolische Seufzer nicht einstellen will – denn die sich leerende Schale, der traumgraue Schmetterling oder auch die possierlich mahnenden Lammskelette machen Meisters Hirtenlyrik vor allem zu einer Variation auf das »Et in arcadia ego« in seiner ursprünglichen Bedeutung. Derzufolge ist es kein Schäfer, der die Worte äußert, sondern der Tod, um zu sagen: Selbst hier in Arkadien bin ich, auch hier führt kein Weg an mir vorbei.
   Erstaunlicherweise sind es gerade die scheinbar willkürlichen Unterstreichungen in den Ausgewählten Gedichten, die beim Blättern den passenden Kommentar liefern, eben jene Verse, die als letzte vor dem Gedicht »Ein Kind« markiert und dem »Tod, der jedem / Gegend ist«, gewidmet sind. Dies ist ja die Landschaft, das Panorama, vor dem das Kind Schafe hüten geht, schwarze Schafe im Finstern, wie es so sonderbar und widersprüchlich heißt – denn was könnte aussichtsloser sein, als eine solche Herde unter diesen Umständen beieinander halten zu wollen? Vergeblichkeit, sogar eine existentielle Absurdität scheinen markant auf eine Formel gebracht – und doch muß man sich das Kind als glückliches vorstellen. »Schwarze Schafe zu hüten / im Finstern« – das ist ja vor allem ein großes Dennoch angesichts der sich leerenden Schale. Es ist der schöne Trotz, mit dem man beschließt, das Vergebliche zu wagen, vielleicht gar das Unvermeidliche als sinnstiftend zu begreifen. Das Hüten der Schafe schließt demnach viele, es schließt alle Handlungen ein.
   Wenn der dünne Bleistiftrahmen allerdings von mir stammt, dann deshalb, so vermute ich, weil ich die wunderbaren Schlußzeilen poetologisch lesen zu können glaubte und ihren Stellenwert auf diese Weise hervorzuheben wünschte. Schwarze Schafe im Finstern hüten – das schien mir immer auch ein Bild zu sein, in dem das Schreiben von Gedichten erfaßt ist: Die Worte, die nicht sichtbar, aber doch da sind, nach und nach zu ertasten, mit einem gewissen Quantum an Naivität und Dennoch eine Herde zu formen, die zunächst bloß in der Vorstellung existiert und deshalb dem einen oder anderen weder zähl- noch eßbar und deshalb sinnlos erscheint. Aber mit etwas Geduld hört man es eben doch dann und wann, wie eine Antwort, unerwartet vielleicht und beglückend, dieses leise Blöken im Dunkel.
 
   Rede bei der Entgegennahme des Ernst-Meister-Preises
der Stadt Hagen am 18. November 2005
 
 
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1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
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