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Gernot Wolfram
Der schwarze Fleck
  Heft 32
 
Als ich Kolbe wiedersah, musste ich sofort auf seine rechte Hand starren.
   Auf diese Hand mit den harten Knöcheln, dem wulstigen Handteller und dem sonderbaren schwarzrunden Fleck auf dem kleinen Fingernagel. Das geschah in einer ganz und gar gewöhnlichen Situation. Er reichte mir gerade mit unbeholfener Vorsicht einen Teller mit dampfendem Rindfleisch und Kartoffeln aus der Kantinenküche des Stromwerks, in dem ich damals zu arbeiten begann.
   Die Hand wirkte am Rand des Tellers wie ein Vorbote einer brutalen, unruhigen Erinnerung. Es war merkwürdig, dass ich eine ganz spezifische Erinnerung an diese Hand hatte, als sei sie losgelöst vom übrigen Menschen.
   Kolbe stand mit seiner weißen Küchenkleidung hinter der Theke, grinste mich an, sagte ein paar verbindliche Dinge (»Mann, das ist ein Zufall, ein wirklicher Zufall, was?«), wie man sie eben nach Jahren sagt, in denen man sich nicht gesehen hat, und schöpfte weiter Soße auf die Teller. Er konnte noch nicht lange in der Küche arbeiten. Ich kam seit zwei Wochen fast täglich von meinem Büro aus in die Kantine und hatte ihn noch nie hier gesehen. Er war hochgewachsen und sah immer noch wie ein Junge aus, der darauf stolz ist, dass man sein Alter ständig falsch einschätzt. Ich nahm den Teller, vermied es dabei, ihn direkt anzusehen, und sagte ebenfalls etwas Belangloses (»Ich hätte dich gar nicht gleich erkannt.«). Schließlich hatte ich mein Essen und setzte mich ins hintere Eck der Kantine an einen leeren Tisch, wo man durch große Glasscheiben in den städtisch sauberen Garten mit den gestutzten Bäumen blickte. Hin und wieder sah ich zu Kolbe hinüber, zu seiner Hand, die dort, nach neuen Tellern fassend, wie eine Pflanze im Wasser wirkte, verlangsamt, ohne Hast, umgeben von einem diffusen Nebel. Natürlich wusste ich, dass dieser Vergleich nicht stimmte und lediglich etwas mit meiner Erinnerung an Kolbe zu tun hatte, ja, dass im Grunde nichts Ungewöhnliches an seiner Hand zu sehen war; aber mich beherrschte, wenn ich sie beobachtete, ein sonderbares Gefühl von Angst. Seltsam, dass wir uns hier begegnen, dachte ich, und begann zu essen.
   Während meiner Schulzeit hatte ich Kolbe in einem Ruderverein getroffen. Ich glaubte damals, ein Ruderverein sei genau der richtige Ort für mich, den Kopf ins Freie zu stecken, wie man so schön sagt. Ich wollte der melancholischen Stickigkeit entfliehen, die einen zwangsläufig überfällt, wenn man noch keine achtzehn Jahre alt ist und zu viel Zeit in geschlossenen Räumen verbringt.
   Kolbe war eine Art Lehrer für die Neuen, ein fröhlicher Mensch mit einer lauten, auf Zurufe bedachten Stimme. Er besaß einen unerschütterlichen Enthusiasmus für Boote und Kommandos, dem man sich nur schwer entziehen konnte. Alles an ihm atmete etwas von der zuversichtlichen Umgebung des Wortes Sportsgeist. Und auf schwärmerische Weise bewunderte ich ihn für seine Kraft und scheinbar unerschöpfliche Energie.
   Ich hatte natürlich keine Ahnung vom Rudern. Kolbe steckte mich in ein Anfängerboot, in dem es ordentlich schwankte. Das energische Gleichmaß, in dem die Ruderbewegungen erfolgen mussten, strengte mich zuerst an, dann fand ich eine innere Ruhe in diesen Bewegungen, ein Aufgehobensein und einen Genuss, der wohl etwas mit der Nähe des sich teilenden Wassers zu tun hatte.
   Abends ging ich zum Anlegesteg, traf die anderen Anfänger und holte mit ihnen aus einem großen braunen Schuppen unser Boot nach draußen. Oft war da ein warmer Wind am Ufer, der mir das Gefühl gab, in einer anderen, südlicheren Stadt zu sein.
   Kolbe kam meistens etwas später. Wir hörten ihn, wenn er mit seiner Fahrradklingel schepperte und rief: »Auf, auf, die Zeit ist knapp, ins Wasser mit dem Schragen.«
   Ich verstand nie, warum er das Boot Schragen nannte, aber wahrscheinlich gehörte das zu der Geheimsprache der Vereinsleute, einem Gerede, das mich nicht sonderlich interessierte. Ohnehin hatte ich einige Schwierigkeiten, seinen Anweisungen zu folgen. Während die anderen scheinbar schnell verstanden, in welchem Rhythmus sich die Ruder ins Wasser zu senken hatten, krachten meine Ruder immer wieder gegen die anderen, verlangsamten die Fahrt, zwangen zur Neuordnung. Einmal schrie er: »Was machst du denn für einen Blödsinn, Mann! Konzentriere dich!« Dabei saß er aufrecht an der Spitze des Boots, legte die Stirn in Falten, musterte mich eingehend und schüttelte den Kopf. Sein Geschrei hatte allerdings zur Folge, dass ich noch nervöser wurde. Es dauerte einige quälend lange Augenblicke, ehe ich mich in die Formation wieder eingefunden hatte.
   Damals dachte ich daran, nie mehr zu der Anlegestelle zu gehen und das Rudern aufzugeben. Was sollte es, ich war nicht dafür geschaffen, mir solche Befehle anzuhören, und noch weniger, sie reaktionsschnell auszuführen. Sollte ich mich zwingen, in einer Weise gehorsam zu sein, an deren Ende doch nur mein Versagen stehen konnte? Kolbe muss geahnt haben, dass mir solche Gedanken durch den Kopf gingen. Nach dem Anlegen kam er zu mir, legte den Arm um meine Schultern und sagte: »Das sind ganz gewöhnliche Anfängerschwierigkeiten. Da musst du durch. Die Zähne zusammenbeißen und weiter.«
   Er roch nach Gras und Schweiß. Insgeheim gefiel es mir, wie er mit mir sprach, so ernst und zugleich so vertraut, als gebe es einen besonderen Grund für die Aufmerksamkeit, die er mir schenkte. Er kaute auf seiner Unterlippe und sagte dann, als sei das ein gewichtiges, kaum zu unterschätzendes Versprechen:
   »Ich behalte dich im Auge.«
   Dann lachte er und zog den Reißverschluss seiner blauen Sportjacke hoch, die er während der Fahrt offen getragen hatte. Komischerweise lösten diese Sätze in mir Zustimmung aus. Lag es an Kolbes plötzlicher Freundlichkeit, dass ich Mut fasste und mir sagte, es sei tatsächlich nur eine Frage der Übung, dass man aufgehen könne in dem Zusammenspiel der Ruder, ohne aufzufallen und die Fahrt zu unterbrechen? Oder war das Versprechen von Kolbe, in dem doch so etwas wie Sympathie lag, der Grund meiner plötzlichen Entschlossenheit, nicht aufzugeben?
   Es muss Ende August gewesen sein, als Kolbe uns den Vorschlag machte, nach dem Training bis zur Schleuse von Mo. zu fahren, um dort gemeinsam zu schwimmen.
   Wir hatten bereits über eine Stunde im Boot gesessen und ich war müde. Ich weiß noch, dass es ein heißer, schwüler Tag war. Das Wasser lag in der Dämmerung wie ein schwerfälliger, von Insekten belagerter Sumpf. Auf der Wasseroberfläche trieben feine wollartige Fäden, klebrig wie die Strähnen eines ausgefaserten Spinnennetzes. Das Boot glitt hindurch und ich dachte daran, dass ich im Grunde keine Lust hatte, zu schwimmen. Ich wollte in diesem Boot sitzen bleiben und zusehen, wie die Ruder eintauchten. Das kurze Hinuntersinken und Wiederauftauchen der Ruder, die schnellen, geduldigen Züge, die wechselnden Aussichten aufs Ufer, die Hitze, die sich in den Armbeugen sammelte, all das erzeugte in mir eine kindliche Freude. Kurz darauf kam es jedoch erneut zu einer Störung, die ich verschuldete. Wieder verhakte sich eines meiner Ruder mit einem leisen Knacken an dem meines Vormannes; wieder schrie Kolbe, seine Augen aufreißend.
   »Reiß dich zusammen. Und schnell! Weiter, weiter!«
   Ich sah kurz sein Gesicht und glaubte, dass er mir mit verächtlichem Spott zu verstehen geben wollte, dass ich noch immer nichts von dem das Boot antreibenden Rhythmus verstanden hatte. Die anderen waren dagegen schweigsam und schienen sich über die Unterbrechung keine Gedanken zu machen.
   Als wir an den Holzstegen von Mo. angekommen waren – der Fluss verengte sich hier zu einem schmalen Durchgang, überhangen von Bäumen, deren Spiegelung den Blick in die Tiefe zog – ließ Kolbe anlegen und sprang als erster aus dem Boot. Er kniete auf dem Steg, zog das Boot heran und ließ uns aussteigen. Hinter den Stegen lag ein Garten, in dem ein alter Wohnwagen zu einer Sommerhütte umgebaut worden war. Davor standen einige Liegen; es gab sogar einen Tisch, auf dem das Licht in sanften Würfen auftraf.
   Kolbe zog erst seine Jacke, dann seine Hose aus. Seine Haut war braun gebrannt; es war ein schmutziges, künstliches Braun. Er wirkte, wie er da auf dem Steg stand, zu uns herüberblickte und »Los, kommt!« rief, wie ein Mensch, der sich vollkommen im klaren darüber war, dass er das Recht hatte, andere selbst zu den naheliegendsten Dingen aufzufordern. Ich bewunderte ihn dafür, dass er diesen Eindruck erzeugen konnte, so sorglos und ­ohne die Scheu, jemanden zu kränken. Insgeheim kränkte er mich ja immerzu mit seiner Stimme. Und ich wartete darauf wie ein Kind, das ­Kuckucksrufe zählt.
   Nun stieg er die kleine Leiter seitlich am Steg ins Wasser und ließ sich mit dem Rücken nach hinten fallen. »Auf was wartet ihr denn noch? Es ist herrlich. Genug mit der Rackerei. Kommt!«
   Wenn ich jetzt daran denke, wie ich ihm folgte, die anderen neben mir betrachtend, die bereits schwimmend und prustend in der Umgebung des Bootes mit den Armen das Wasser aufschlugen, meine ich, dass ein Zögern in meinem Verhalten lag, das vielleicht mit einem Blick Kolbes zu tun hatte. Während ich die Leiter hinabstieg, schnippte er mit dem Finger auf die Wasseroberfläche, so dass mich einige Tropfen trafen. Die Haut zog sich zusammen. Mir wurde kalt. Er sah mich, die nassen Haare auf der Stirn, herausfordernd an, wobei er mir nun nicht mehr als der Lehrer für die Neuen erschien, sondern vielmehr wie ein Junge, der voller Selbstüberschätzung seine Kräfte ausprobiert.
   »Merkst du, wie herrlich das ist?«
   Er schüttelte den Kopf vor Vergnügen, streckte sich und schwamm auf mich zu.
   »Los, wir machen ein kleines Wettschwimmen. Bis dort zu der Weide. Wer zuerst mit der Hand auf den Baumstamm schlägt, hat gewonnen. Einverstanden?«
   Ohne lange darüber nachzudenken, nickte ich ihm zu. Es musste möglich sein, alle Kraft in mir aufzubieten, um neben ihm zu bestehen. Ich wusste, dass er als erster ankommen würde. Es konnte gar nicht anders sein. Ich hörte bereits sein siegesgewisses Rufen, das Juchzen, mit dem er sich auf den Baumstamm setzen und mir entgegenlachen würde. Und zugleich stemmte sich etwas in mir gegen diese Überlegenheit. Es dauerte kaum ein paar Minuten und wir hatten die Weide zum Greifen nah vor Augen. Ich schwamm dicht neben Kolbe, atemlos und gierig darauf, mit dem Arm auf den Baumstamm zu schlagen. Wir hatten die anderen vergessen. Es existierte nur noch das wilde, klatschende Geräusch unseres energischen Schwimmens. Es war kaum zu glauben: ich lag ein wenig vor Kolbe, ich konnte es schaffen. Als ich den Arm nach dem Baumstamm ausstreckte, um ihn zu berühren, spürte ich seine Hände auf meinem Körper. Es ging eine eigenartige Wärme von ihnen aus. Er war untergetaucht und griff nun nach meinem Rücken, zog mich langsam von dem Baumstamm fort, berührte erst vorsichtig meine Schultern und drückte dann heftig meinen Kopf in die Tiefe. Um mich herum ein geräuschloses Sprudeln, schaukelndes Zwielicht, Bodenlosigkeit. Während mich panische Angst überfiel, nicht mehr nach oben steigen zu können, sah ich auf die Beine Kolbes, die weiß vor meinen Augen hin- und herschlingerten. Ich versuchte, mich zu befreien, aber Kolbes Hände hielten mich gewaltsam unten. Ich umfasste sein Handgelenk, riss daran und spürte, es hatte keinen Sinn. Er konnte mich so lange unter Wasser zappeln lassen, wie er wollte, er war der Stärkere, seine Hände hatten völlige Kontrolle über mich. Wenn er wollte, würde ich nie mehr nach oben steigen, und ich glaubte, an dieser öden Flussstelle, keine zwei Kilometer von der Stadt entfernt, auf sehr banale Art und Weise zu sterben. Plötzlich bekam ich zwei von seinen Fingern zu fassen; ich zerrte daran. Er drückte mit der anderen Hand noch fester zu. Und ich sah den schwarzen Fleck auf seinem rechten Fingernagel, eine kleine, weich glänzende Blüte, die mir in diesem Augenblick die Finsternis des Todes zu sein schien.
   Der Fleck schwebte vor meinen Augen, er verschwand und war wieder zu sehen.
   Mir schoss durch den Kopf, in den Finger Kolbes zu beißen, er war so nah vor mir, so erreichbar nah. Doch etwas hielt mich angesichts des Flecks zurück, eine Scheu oder Furcht, die noch stärker war als die Angst vor dem Ertrinken, ein unerklärliches Zurückweichen vor dieser körperlichen Kleinigkeit. Mir wurde schwindlig, ich begann Wasser zu schlucken und glaubte dabei, von dem Fleck aufgesogen zu werden.
   Plötzlich ließ Kolbe los und ich stieß mich ab, um Luft zu erhaschen.
   »Du Idiot!« schrie ich, hustend und Wasser ausspuckend, aber Kolbe, dessen Kopf im Sonnenlicht noch jungenhafter wirkte als sonst, lachte und fuhr mit der Hand durch das Wasser, als wollte er sagen: »Es war doch nur ein Spiel.«
   »Du Idiot! Warum hast du das gemacht?«
   »Beruhige dich. Nur eine kleine Abreibung für deine Fehler im Boot.«
   »Ich hätte draufgehen können!«
   »Hättest du nicht, hättest du nicht.«
   Die Köpfe der anderen sahen indes mit einem gleichgültigen Schaukeln zu uns herüber.
   Später meinte ich, Kolbe mochte wohl schon oft jemanden auf diese Weise unter Wasser gedrückt haben. Er hatte die Zeit genau berechnet, die ich es im Griff seiner Hände aushalten würde. Vielleicht war das der Grund, dass ich ihn vergessen hatte.
   Von meinem Teller aufsehend, merkte ich, dass die meisten Kollegen die Kantine bereits verlassen hatten. Ich stocherte in den Kartoffeln herum und aß die Reste des Rindfleischs auf. Kolbe beförderte nun mit lautstarken Geräuschen Teller von einem Wagen auf ein Förderband. Ich stand auf und brachte mein Tablett zur Kantinentheke. Kolbe nahm es mir ab, lächelte mich an, sagte wieder etwas Belangloses (»Die essen ja hier wie die Ausgehungerten.«), während ich auf seiner Hand den lächerlichen Fleck suchte, von dem ich einmal, für Sekunden, geglaubt hatte, er sei das letzte, was ich in meinem Leben sehen würde.
 
 
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1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013