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Uwe Kolbe
»Hineingeboren« –
das Lied in der Zungenwurzel
  Heft 31
Foto: Paustian
 
Dem damals 58-jährigen Franz Fühmann gebührt Respekt, daß er in dem Manuskript etwas ausmachte, das mit einem reifen Begriff von Poesie zu beschreiben war. Daß er sich zuvor bereits für die Gedichte eines jungen Mannes interessierte, als dieser siebzehn, achtzehn Jahre alt war, zeugt von einem Verantwortungsgefühl gegenüber der Lage der Literatur in jenem Land, das neben ihm wenige hatten. Es war ein Land, in dem Literatur aus Not viele Funktionen erfüllte, die sie in modernisierten, offenen Gesellschaften an andere Medien und Kunstformen abgibt.
   Fühmann entdeckte in den Versuchen etwas, das ich als Leser nach Ende des 20. Jahrhunderts fast verfehle. Den Auslöser dieses Schreibens (das mit 14 Jahren begann) kenne ich allerdings und erkenne ihn im Erstling wieder: die Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts lässt deutlich grüßen. Ich schaue zu formal auf die Gedichte. Dem jungen Mann empfähle ich wohl halbherzig einen Kurs in Creative Writing. Obwohl ich mich an sein mühseliges, mäßig bewusstes und radikal eklektisches Suchen und Finden erinnere und an die Nächte, in denen dies seinen Raum hatte und sich seinen Raum nahm. Obwohl ich weiß, daß er mit seiner Herkunft und in seiner Lage keine Wahl hatte.
   Einige der Gedichte lese ich gelegentlich heute wieder vor, u. a. in Schulen (Male; Wir leben mit Rissen; die schuldigen ...). Dabei gebrauche oder missbrauche ich sie wie ein Lehrer als Belege, Fossile eines Ausschnitts aus dem sozialistischen Jahrhundert, der darin durchaus eingefangen ist. Obwohl wir in der Mehrzahl der Texte wenig von der Außenwelt erfahren, die das Ich so erstarren und verzweifeln lässt. Ohnmächtiges Aufbegehren in stehender Zeit, »das Lied in der Zungenwurzel« – so stellt es sich dar. Angst, vielfältige Angst spiegelt sich, Zweifel statt Wissen, Offenheit im besten Fall.
   Andererseits will ich gern das Geständnis machen: Andere Themen als die der ersten Gedichte werden sich bei mir nicht finden. Alles ist darin schon angeschlagen, nur daß Schlegel und Glocke noch nicht zueinander passen, selten zu dem Klang finden, der mich später zu interessieren begann. Unglaubliche Beschwörungen dessen, was wäre, wenn – kaum etwas eingelöst. Eine hoffentlich nicht zu wohlfeile Metapher hilft mir zu verstehen, was war: Der Kerl schrieb mit einem grauen Brocken Betons von der Mauer statt mit einem Stift. Das kratzte eben. Wahrscheinlich war es nur der Brocken Vorkriegsmörtel von einem Berliner Ruinengrundstück, allerdings ein paar Hundert Meter von der Mauer weg im Gras gefunden, in den Stadtbezirken Prenzlauer Berg, Mitte und Friedrichshain der sechziger und frühen siebziger Jahre. Was sich nämlich nicht geändert hat: »Papier, Papier ist mein Metier, ansonsten in der Brunnenstraße Erbsen.« Das poetische Grundmaterial dieser Gedichte, die darin eingeschriebene Landschaft ist ein kindlich und unreflektiert aufgesogenes Nachkriegsberlin. Dieser Fundus ist für mich noch lange nicht ausgeschrieben. Vielleicht muß er das auch nicht mehr. Mit dem, was jetzt in der Stadt gesagt und geschrieben wird, haben diese Gedichte nichts zu tun.
 
Uwe Kolbes Debüt Hineingeboren. Gedichte 1975–1979 erschien 1980 in der Reihe Edition Neue Texte im Aufbau-Verlag in Berlin und Weimar.
 
 
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1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013