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István Vörös
Die Straßen,
der Verkehr
  Heft 30
 
Wenn einer in Rom, Paris
oder New York ankommt, sieht
er in allen Gesichtern das
Dörfliche, das Ende der Welt.
Als sei man an dem einzig
möglichen Ort, als gäbe es keinen
anderen. Die Verwaltungsgrenze,
von diesem Platz aus natürlich nicht
zu sehen, verläuft gleich am Fuß
der gläsernen Berge, doch bei
genauer Betrachtung drehen sich
die Häuser auch hier auf Gänsefüßen.
Die Metro ist ein rasender Erddrache,
alle Bettler sind verzauberte Prinzen.
In der Luft hört man Scharen von
Kobolden. Man fährt in gelben Nachen
über die Fifth Avenue, der Chauffeur mit
dem Turban ist Charon persönlich.
Für etwas Geld fährt er dich in jede
Richtung. Das Colosseum wird
von Etruskern besetzt, der Eiffel-
Turm steigt mit gespreizten Beinen
über die Seine. Von da aus gibt es
kein Weiter. Auf den Eisenstreben
klettern Neugierige empor, das ist
die Auferstehung selbst.
Nur der Taxifahrer ist unzufrieden,
er hält am Quai, schaut zum Wasser
und meint, Autos würden vor ihm
dahinfließen, wartet, dass die Ampel
auf Rot schaltet, wartet stundenlang.
Als er dann den Sonnenuntergang sieht,
legt er los und versucht, zu Fuß über das
angehaltene Wasser zu steigen.
 
 
[Das Gedicht ist ein Vorabdruck aus dem Band Die leere Grapefruit, erschienen in der Edition Korrespondenzen. Übertragung aus dem Ungarischen von Zsuzsanna Gahse.]
 
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1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013