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Tanja Dückers
Der Leuchtturmwärter
(polnische Ostseeküste)
  Heft 28
 
Frau Kowalska: Wenn er kommt, helfe ich ihm erst einmal aus der Jacke. Und dann hakt er sich bei mir unter, er kennt mich ja, er kennt das ja, und wir gehen langsam zusammen in die Küche. Ich habe ihm schon Haferflocken und Kaffee vorbereitet. Er trinkt viel schwarzen Kaffee, aber man merkt es ihm nicht an. Ich meine, reden tut er trotzdem nicht. Bleiben tut er so eine Stunde bei mir, manchmal auch länger, dann höre ich noch Nachrichten, und vielleicht hört er auch zu. Ich weiß das nicht. Dann bringe ich ihn zurück in den Flur, ziehe ihm seine Jacke an. Er trägt eine grüne Winterjacke, die hat die Stajkowska für ihn besorgt, aus der Altkleidersammlung allerdings. Dann binde ich ihm seinen Schal um. Einen knallroten Schal, den hat die Stajkowska für ihn gestrickt. Über die Farbe hat sie sich vorher Gedanken gemacht. Damit der nicht wieder verloren geht, hat sie gemeint. Also der Adam, nicht der Schal, meine ich.
   Frau Stajkowska: Ich hol den Adam bei der Kowalska ab. Meistens muß ich ihm die Schnürsenkel zubinden, weil die Kowalska das übersieht. Die Kowalska hat ihre Gedanken immer ein bißchen woanders, weiß nicht, wo, ich hoff, bei ihren Kindern und ihrem Mann. Den Anorak macht sie ihm auch nie richtig zu. Die macht ja nur mit, damit wir nicht über sie herziehen. – Also bei mir bekommt der Adam erst mal Kräutertee mit Rosmarin, was Wärmendes, und dann setzt er sich ins Wohnzimmer. Er weiß, daß er alle Bildbände aus den Regalen nehmen darf. Wir sind in den letzten Jahren viel gereist, der Józef und ich, wir haben immer schöne Bücher gekauft. Am liebsten guckt er sich das mit den Fotos von Leuchttürmen an. Deshalb liegt das Buch schon auf dem Sofa. Und anständiges Brot mit Wurst bekommt er auch bei mir. Von ein paar Haferflocken wird doch so ein kräftiger Mann nicht satt! – Bei uns bleibt er so bis mittags, meistens schau ich nach ihm, manchmal auch der Józef, wenn er einen freien Tag hat. Und der Jerzy, unser Jüngster – die anderen sind alle schon flügge –, der setzt sich manchmal zum Adam und guckt mit ihm so’n Buch an. Das find ich schön. Ich meine, der ist ja wirklich nicht zu beneiden, der Adam. Und so tun wir alle eben unsern Teil – in den Himmel kommt man nicht umsonst, oder?
   Frau Jaworska: Bei mir ißt er zu Mittag. Die Stajkowska fährt ihn mit ihrem Wagen zu uns rüber. Sind nur ein paar Schritte, aber der Adam geht so langsam. Und der Wind macht ihm Angst. Wir haben ja viel Wind hier an der Küste. Wenn er da ist, braucht der Adam nicht lange zu warten, der dampfende Topf ist gleich auf dem Tisch. Pünktlich wie beim Militär, sagt mein Mann immer. Der Adam spricht ja nicht. Nur die Namen von ... von so Dingen wie »Ikea«, »McDonald’s«, »Salamander«, so neue Namen eben, die murmelt der manchmal vor sich hin. Schon komisch. Bei mir bekommt er jedenfalls ein ordentliches Mittagessen; bei mir ist alles ganz frisch, ich spar da nicht, bloß weil der Adam keine Familie hat und’s nie wird zurückgeben können. Beim Adam ist es, denk ich mir, besonders wichtig, daß er was Vernünftiges ißt. Deshalb hab ich ihm auch extra Rote-Bete-Saft besorgt, den gibt die Frau Krystek mir umsonst, nachdem ich gesagt hab, der ist für’n Adam. Da hat sie gesagt, sie will auch ihren Teil dazu beitragen. Und so bunte Kapseln hat sie mir auch mal mitgegeben. Gegen Arteriosklerose. Der Adam ist ja schon alt. Dafür hat sie auch nichts gewollt. Davon geb ich aber immer die Hälfte meinem Schwiegervater, denn der hat schon ’nen Herzkasper gehabt. Da würde, glaube ich, jede Frau so handeln wie ich. Zumal die Apotheke nun wirklich nicht vor dem finanziellen Ruin steht. Außerdem ist das alles, was die Frau Krystek für den Adam tut. Mehr nicht.
   Frau Krystek: Ich hab da wirklich keine Zeit für. Obwohl mir der ja auch leid tut. Wo würden’se den denn hinbringen? Man weiß ja, daß solche Leute sonst in ’ne Anstalt kommen. Aber ich würd das einfach nicht schaffen, mein Mann hat Nachtschicht, und meine Tochter fährt Motorrad und macht sich lila Strähnen ins Haar. Da hat man doch alle Hände voll zu tun! Obwohl, manchmal denk ich auch ... naja, ich schaff das nicht. Aber wenn die Jaworska kommt, dann pack ich ihr immer was für den Adam ein. Für umsonst, versteht sich. Das geht ganz auf Rechnung der »Leuchtturm«-Apotheke. Da bin ich wirklich nicht kleinlich. Ich hab schon vor ’ner Weile kapiert, daß die Jaworska den Großteil der Präparate ihrem Schwiegervater gibt. Aber sagen kann ich natürlich nichts, denn ich kümmere mich ja nie um den Adam.
   Frau Matuszewska: Ich mag den nicht, den Adam. Wir haben damals alle einiges mitbekommen. Abbekommen. Hier. Haben uns auch wieder, wie soll man sagen, na, aufgerappelt. Zusammengenommen. Kann doch nicht jeder nachher so ... na, wie der Adam eben geworden ist. Und jetzt überbieten sich alle in Samariterhaftigkeit. Eine will besser sein als die andere. Der Adam bekommt bei der Stajkowska – die haben ja Geld wegen der Werkstatt – lauter Sachen, von denen ich nur träumen kann. Und die Jaworska, die kocht und kocht – soviel Zeit hätt ich gar nicht, ich muß meinem Mann ja aushelfen im Blumengeschäft. Wenn der Adam bei mir zu Mittag ißt, dann gieß ich schnell einen Brühwürfel auf – ich ess das auch, ehrlich. Ich mach mir selbst nichts Besseres. Wir löffeln dann beide unsere Suppe, Brot bekommt er natürlich dazu. Und dann nehm ich ihn mit in den Blumenladen. Ist besser für ihn, als nur den ganzen Tag allein auf dem guten Sofa im Wohnzimmer herumzusitzen und Bildbände anzuschauen. Und wenn er mal was kaputtmacht, ist gleich die Hölle los. Wegen der Sache mit der Vase wurde dann ja die Kasse für Adam ins Leben gerufen. War die Idee von der Stajkowska, nachdem der Adam so ein dickes Buch geschwenkt und so’ne häßliche Vase bei ihr da runtergefegt hat. Seitdem zahlen wir alle jeden Monat 80 Zloty da ein. Die Stajkowska verwaltet auch die Kasse. Der Staat tut eben nicht genug. Da müssen wir schon zusammenhalten, aber ich finds übertrieben mit diesen Torten und so. Da können’se mir mal lieber ein Stück zum Geburtstag mitbringen!
   Priester Gruszecki: So gegen 17 Uhr hole ich den Adam vom Blumenladen ab. Der guckt mich immer ganz sehnsüchtig an. Der sitzt da den ganzen Nachmittag auf so einem unbequemen, dreckigen Plastikhocker, den die Frau Matuszewska als Fuß-Tritt benutzt, um an höher stehende Pflanzen heranzukommen. Die Frau Matuszewska denkt vielleicht, daß ihn ihre Gespräche mit den Kunden interessieren würden, aber der Adam versteht das doch gar nicht. Der murmelt nur die Namen der alten Schiffe vor sich hin, die großen Schiffe von damals, also, soviel habe ich zumindest bisher nur von ihm gehört. Und wenn er mal einer Rose ein Blatt auszupft, dann ist die Frau Matuszewska aber bös! Rennt rüber zu Frau Stajkowska und läßt sich die Rose aus der Kasse ersetzen! Und nicht zu knapp! Also, ich nehme den Adam mit, wenn ich aus der Gemeinde komme und gehe mit ihm zu meinem Haus. Das ist ein gutes Stückchen Weg, aber direkt am Meer entlang. Das tut ihm gut, mal an der frischen Luft herumzulaufen und nicht nur den ganzen Tag vor Schnittblumen zu hocken.
   Herr Garsztecki: Ich geh denen aus dem Weg, wenn ich meinen Strandspaziergang mache. Unsern Priester grüß ich, aber diesem lebendigen Tod wünsche ich nicht einen »Guten Tag«. Nee. Der ist hängengeblieben. Der ist einfach nicht mit der Zeit mitgegangen. Hier hat sich doch so viel verändert! Wir haben jetzt die Bibliothek und das kleine Theater, den Spielplatz, die Einkaufspassage und eine neue Schule. Hier hat sich so viel verändert! Es ist ja nicht so, daß ich nicht mehr wüßte ... aber die Welt dreht sich doch zum Glück! Ich geh dem aus dem Weg, der erinnert mich an damals. Die Frauen können ja ihren Sozialen an dem ausleben, ich finde, der gehört in ’ne Anstalt. Aber das sag ich jetzt ganz leise, denn der Priester ist ja eine Autorität bei uns.
   Herr Kloczowski: Bei uns bringt die dicke Zanska, die Geliebte des Priesters, das weiß ja jeder, den Adam vorbei, wenn er bei ihnen nicht schlafen kann. Ihre Kinder laden immer alle möglichen anderen Kinder ein, bei ihnen zu übernachten, damit das Sofa und die Couch belegt sind. Die Kinder von der Zanska fürchten sich eben vorm Adam. Wir haben ja keine. Wenn ich an Kinder denke, denke ich sofort an die, die der Adam damals aus dem Wasser gezogen hat. Tag für Tag. Immer neue kamen angeschwemmt. Manchmal hab ich ihm geholfen. Damals war er noch Leuchtturmwärter, hat die Schiffe gesichtet. Die großen deutschen Schiffe. Die Gustloff, die Steuben, die Goya. Die sind ja alle fast an der gleichen Stelle von den Russen torpediert worden. Nur ein paar hundert Meter von der Küste entfernt hier bei Stolp – auf dem Weg nach Lübeck oder Kiel. Wir Polen waren ja immer dazwischen – immer dazwischen und immer mittendrin in der Scheiße. Und ich hab dem Adam geholfen. Hatte den Regenmantel meines Vaters an. Mit langen Eisenstangen haben wir die rausgeholt. Gut, daß meine Frau und ich keine Kinder bekommen haben.
   Adam (den Vorhang zuziehend, kaum hörbar singend): Schlaf. Fenster. Schlaf. Schlaf. Fenster. Schlaf. Wenn du jetzt leise bist, Wind, dann schlaf ich auch.
 
 
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1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013