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Ingo Schulze
Ein Brief
  Heft 25
 
Altenburg, 02.03.90
Lieber Jo!
 
Vorgestern hat es mich erwischt. Heute gehtís mir dafür besser denn je. Drei Artikel schrieb ich hintereinander weg und hätte weiter gemacht, müßte ich nicht Historie studieren. Es sieht nämlich danach aus, als würden wir in den Dienst des Hochadels treten.
   Ich saß über ein paar Zeilen zum Tierheim. Material hatte ich genug, auch die Überschrift, doch es ließ sich nicht schreiben. Entweder klang es rührselig oder unterkühlt. Ich brauchte tausendfünfhundert Anschläge, nicht mehr! Nach zwei Stunden hatte ich noch keinen vernünftigen Satz gefunden. Schlimmer war, daß ich den Geruch von »nassem Hund« nicht aus der Nase bekam. Ich wusch mir die Hände, schnüffelte am Papierkorb, an der Garderobe, hob die Maschine an. Sobald ich die Finger auf die Tasten legte, saß »nasser Hund« wieder unter meiner Nase. Ich hätte nur heizen müssen, doch bis es warm geworden wäre, wollte ich zu Hause sein.
   Mein Ehrgeiz ließ mich zu spät zu Verstand kommen. Das heiße Bad nützte nicht viel. Nur dem Geruch war ich entkommen. In der Nacht träumte ich ununterbrochen und glaubte morgens, nicht geschlafen zu haben. Den Tag über hatte ich Termine, um zwölf mußte ich in Meuselwitz sein und um drei in Lucka. Zwischendurch sammelte ich in den Dörfern Nachrichten für Marions Serviceseite ein und ließ mir von der Wintersdorfer Sekretärin einen Kamillentee kochen.
   Zurück in der Redaktion, fand ich in meinem Fach neue Photos, darunter jene fünf, die ich im Tierheim gemacht hatte. Ich stopfte den Ofen voller Briketts, als plante ich eine Nachtschicht, und setzte mich wieder ans Grüne Ungeheuer. Die Augen schmerzten, und ich glaubte wieder meinen toten Zahn zu fühlen. Von Zeit zu Zeit ging ein Schauer über meinen Rücken. Die Kälte weicht aus den Knochen, dachte ich und fühlte mich wohl bei diesem Gedanken. Und dann – es klingt mysteriöser, als es in Wirklichkeit war – spürte ich etwas, als würde mir jemand in den Nacken pusten oder vorsichtig von hinten einen Hut aufsetzen. Ich glaubte, eins von Georgs Kindern hätte sich eingeschlichen und die Tür offen gelassen. Am Tisch saß ein Mann, einer, den ich irgendwoher kannte, mit dem sich etwas Erfreuliches verband, also keiner dieser aufdringlichen Heimatforscher, die von der Redaktion angezogen werden wie die Mücken vom Licht. Wie oft schon hat hier jemand unversehens Platz genommen, ohne daß sein Kommen bemerkt worden wäre. Wenn nicht abgeschlossen ist, interessieren die Öffnungszeiten sowieso niemanden.
   »Lassen sie sich bitte durch mich nicht stören«, sagte er voller Liebenswürdigkeit und grüßte mit einer angedeuteten Verbeugung. »Ich warte ergebenst, es ist allein meine Schuld, daß wir uns verfehlt haben, bitte, fahren sie fort.« So in etwa drückte er sich aus, als wäre es in Ordnung, wenn ich ihn ignorieren und weitertippen würde. Sein ganzer Gestus entsprach dem, was man sich unter einem alten Kavalier vorstellt – er konnte höchstens vierzig sein -, Wortwahl und Aussprache erinnerten mich an die ungarischen Studenten in Jena, die ihr Deutsch bei Rilke und Hofmannsthal gelernt haben, sein rollendes R paßte ebenfalls dazu.
   »Wir waren für zwölf verabredet«, versuchte er mir auf die Sprünge zu helfen, »ich hoffe, ihnen sind aus meinem Fernbleiben keine Unannehmlichkeiten entstanden. Ich stehe zu ihrer Verfügung, wann immer es ihnen konveniert.« Konveniert! Er verwendet ständig Worte, die er offenbar nur mit einer Verbeugung auszusprechen wagt. Gerade wollte ich sagen, daß ich mit niemandem verabredet gewesen wäre, als aus seiner Richtung ein Laut kam, ein verhaltenes Jaulen und Knurren – oder wie beschreibt man das Gähnen eines Hundes? Das also wars! Der Hund auf den Photos! Und er hinter ihm, deutlich genug, obwohl die Brille das Blitzlicht reflektiert. Die ehrenamtliche Tierheimleiterin hält die Leine in die Kamera und lächelt. Den Hund hatte ich als »leicht wölfisch« charakterisieren wollen, vor allem die Schnauze, die Statur nicht so kräftig wie bei einem Schäferhund, das Fell schwarz-grau. Ein Auge ist blind. Sein Schicksal sollte die Rahmenhandlung bilden.
   »Ihre gute Tat wird bekannt werden!« sagte ich und reichte ihm die Photos. Er sah sie kurz durch, und noch bevor ich wieder saß, lagen sie vor mir, genau an der Tischkante. Fast hätte ich ihn gebeten, sein Kunststück zu wiederholen, derart lässig hatte er die Photos aus dem Handgelenk heraus geworfen. Und nichts Herablassendes sprach daraus, eher eine sympathische Distanz sich selbst gegenüber.
   Er beugte sich seitlich zu dem Hund herab, ein Singsang, beruhigend, ja einlullend – auf Englisch!
   »Das trifft sich doch gut!« rief er und hatte plötzlich einen Akzent. Ich glaubte erst, mich zu irren, doch der nächste Satz brachte Gewißheit. »Heute kann man sowieso nur über Leute schreiben«, fuhr er fort, »die nichts von Kunst und Literatur wissen wollen!« Ich hatte keine Ahnung, warum er das sagte. Ich glaubte, mir wäre etwas entgangen.
   Er wolle damit lediglich ausdrücken, sprang er mir bei, daß es gut wäre, wenn die Leute, die Gegenstand eines Artikels würden, das nicht selbst lesen müßten. Gezwungenermaßen nehme er das eine oder andere, das man über ihn in der Öffentlichkeit verbreite, zur Kenntnis. Oft seien es die Journalisten selbst – wenige, die sich so bezeichneten, verdienten ihren stolzen ­Titel&xnbsp;-, die ihn zum Lesen nötigten und sich dann wunderten ... – er winkte ab, hielt aber schon im nächsten Augenblick seine Visitenkarte zwischen den Fingern – »besser eine zu viel als keine« – und schob sie mir über den Tisch.
   Hans Clemens von Barrista – weiße Buchstaben auf schwarzem Grund. Sonst nichts, die Rückseite war unbedruckt. Mußte ich ihn kennen?
   Du bekommst natürlich keine Vorstellung von Hans Clemens von Barrista, wenn ich Dir seine Augen vorenthalte – und seine Brille. Dagegen ist Deine Fensterglas! So riesig glupschen seine Augen dahinter, als würde er durch einen Spion hereinschauen. Und doch wirken sie kindlich erstaunt, beinah treuherzig. Ein kurzer Schnauzer verdeckt notdürftig seine gut verheilte Hasenscharte und läßt, wie auch sein schwarzes Haupthaar, die aknevernarbte Haut noch blasser wirken. Offenbar hat er sich mit seiner Erscheinung ausgesöhnt, denn von Unsicherheit kann bei ihm keine Rede sein. Er rückte etwas ab vom Tisch. Über seinem kleinen Kugelbauch spannte sich das weiße Hemd.
   Je mehr ich mich in seinem Anblick verlor, umso ferner erschien mir eine Antwort auf seine Bemerkung. Da erhob sich Hans Clemens von Barrista, sagte etwas wie: da läßt sich nichts machen, und streckte mir seine Hand entgegen. »Setzen sie sich doch«, sagte ich schnell. »Machen sie es sich bequem.« Er dankte, sah sich in der Redaktion um und sagte, während er sich setzte: »Ein bequemer Sessel ist das Merkzeichen einer tätigen Vernunft, Beleibtheit deutet auf eine rege Seele, ein Gränlein Luxus bereitet den Anfang jeglicher Wiedergeburt: gut mag gut sein, doch besser ist besser!«
   »Mit Luxus ist hier nicht viel«, entschuldigte ich mich, obwohl ich seine Anspielung taktlos fand, und nahm das Sitzkissen von dem Drehstuhl, um es ihm anzubieten.
   So habe er das nicht gemeint! Das sei so ein Spruch seines Lieblingsonkels, eines wahren Freundes der Tiere, der ihm ans Herz gewachsen wäre.
   »Was möchten sie? Womit kann ich ihnen helfen?« fragte ich und spürte, wie sehr seine Manier auf mich abfärbte.
   Hans Clemens von Barrista blickte wie vom Meeresgrund auf, verbeugte sich leicht und sagte ganz ohne Akzent: »Sie wollten sich bis heute entschieden haben!«
   Nach einer leichten Verbeugung, die der Seinigen nachempfunden war, erwiderte ich, daß wir einander meines Wissens am Dienstag zum ersten Mal begegnet wären, im Tierheim nämlich, wo wir zu meinem Bedauern kaum miteinander gesprochen und uns ohne Verabredung verabschiedet hätten.
   »Ich habe mir gestern bei ihnen den Fuß gestoßen, weil das Licht kaputt war und immer noch kaputt ist«, klagte er, zügelte jedoch mit jedem Wort seine Ungehaltenheit besser. »Wir haben hier gesessen, und ich habe Vorschläge gemacht.« Aus seiner Liebenswürdigkeit war scheinbar ohne alle Veränderung eine Leidensmiene geworden. »Ihre Zeitung«, er nahm die Brille ab und massierte mit Daumen und Zeigefinger die Augen, »ist mir doch empfohlen worden!« Hans Clemens von Barrista bohrte seine Fingerkuppen tief in die Augenhöhlen. Ihn zu beobachten schmerzte. Ich beteuerte, davon nichts zu wissen.
   »Dann sind sie also gar nicht Herr Ziegler?« Er bestaunte mich wieder durch seine Gläser.
   Ich stellte mich vor, erwähnte erneut unser Treffen im Tierheim und wollte hinaus, um ihm den erleuchteten Flur vorzuführen, als er mich mit einer nachdrücklichen Bewegung seines Oberkörpers stoppte.
   »Es geht um den Besuch des Erbprinzen!«
   Endlich fiel bei mir der Groschen! Jörg hatte den Abgesandten des Erbprinzen erwähnt, aber bevor er mehr erzählen konnte, war wieder jemand gekommen, und dann war Georg unauffindbar gewesen. Offenbar hatten sie nur miteinander telephoniert. Zudem hatte mich meine Phantasie mit Blindheit geschlagen, weil sie aus dem Abgesandten einen Bismarcktypen verfertigt hatte.
   »Sie sind uns angekündigt worden, natürlich mit schönsten Erwartungen allerseits«, entschuldigte ich mich und spürte, als hätte meine Erkenntnis auf einen Schlag alle Kraft verbraucht, wie schwer mir das Reden fiel. Plötzlich fürchtete ich, ich könnte etwas verderben, etwas sehr Wichtiges. Lächelte er nicht bereits über meine »schönsten Erwartungen allerseits«, während er sprach? Es lag weniger an seiner Diktion als an meiner Zerstreutheit und Schwäche, wenn ich von seiner Rede nur Wortgruppen oder einzelne Brocken aufschnappte, als kämen sie abends auf Mittelwelle. »... ihrer Zeitung – einfach exzellent! – Steckt Leistung dahinter – beträchtlich – kann mir vorstellen – und lebhaft vorstellen – zugegangen sein muß – bewegte Zeit, bewegte Zeit! – Triumph zu Triumph – gratulieren, ja, gratulieren.«
   Allein bei dem Gedanken an eine Entgegnung fühlte ich die Wörter wie ausgefallene Plomben im Mund. »Sind höchst willkommen. Ja, sind sie«, spuckte ich hervor, und das war noch das Beste, was mir gelang. Es ist wie mit Lampenfieber, heute erscheint mir meine Aufgelöstheit einfach albern. Barrista hatte sich warm geredet, sprach, wenn ich mich richtig erinnere, wieder akzentfrei und bewegte seine Hände wie unter einem Wasserhahn. Voller Entschiedenheit rief er: »Ich nicht! Gehöre nicht zu denen, Reden ist Silber, Schweigen Gold! Vollkommener Blödsinn, nein, nein, mein Lieber«, er lächelte, »Rücksichten nicht mal im Interesse der Betroffenen, weiß jedes Kind, wirklich, jedes Kind! Mal nichts vorwerfen lassen! Tacheles, ganz unbedingt!«
   Wie die Händler in einem orientalischen Märchen ihre Waren zog er im folgenden Satz um Satz hervor und hielt ihn mir unter die Nase. Ich begriff sehr wohl: das waren Hilfestellungen, und er hoffte, ich würde auf irgendeinem Gebiet etwas Wissen oder zumindest Originalität aufbringen, um etwas beizusteuern. Hätte er mich nach den Namen meiner Freunde gefragt, sie wären mir ganz sicher nicht eingefallen. »Das Jammern, je früher desto besser, abgewöhnen, weiß selber, hilft nichts, keine Erziehung, werden es merken, niemand mehr da, nirgendwo, keinen Beichtvater, unbesetzte Stelle, eine enorme Veränderung, absolute Leere, hüben wie drüben, einzigartige Chance!«
   Ich versuchte gar nicht mehr, seinen Gedankensprüngen zu folgen, sondern bereitete ein paar Sätze über mich vor. Barrista fläzte auf dem Stuhl und nickte mir, als ich mich anschickte zu reden, wie einem Kind zu, ermunterte mich übertrieben, als interessiere ihn ausschließlich meine Kurzbiographie. Das war reine Höflichkeit, nichts weiter, trotzdem beruhigte mich sein Zuspruch etwas. Bemüht, an kurzen Hauptsätzen Halt zu finden, gelang mir auch wieder Zusammenhängenderes. Als ich alles gesagt hatte, stutzte Barrista. Erwartete er irgendeine Folgerung, warum ich das erzählt hatte? Ich zuckte mit den Schultern. »Nun wird er wohl nicht mehr kommen!« rief er auf einmal mit veränderter Stimme. Bevor ich fragen konnte, wen er meine, entschuldigte er sich. »Oh, Pardon, pardon! Es ist spät geworden.« Er zog eine Uhr ohne Armband hervor und betrachtete sie eingehend. »Zehn vor zwölf«, sagte er und unterdrückte ein Gähnen. »Zehn vor zwölf?«
   »Ich dachte erst«, überging er meinen Ausruf, »ihre Augen leuchteten vor Begeisterung. Aber, lieber Herr Türmer, sie sollten sich schonen. Darf ich sie mitnehmen, darf ich sie nach Hause fahren?«
   Ich zeigte zum Fenster. »Habe selbst«, war alles, was ich hervorbrachte. »Dann darf ich sie vielleicht geleiten?« Einer Collegemappe, die mir bis dahin verborgen geblieben war, entnahm er zwei rote, bereits etwas abgebrannte Kerzen, hielt ihre Dochte zusammen und entzündete sie gleichzeitig mit einem Feuerzeug. In jeder Hand eine Kerze, die Collegemappe unter dem linken Arm, stand er da wie eine Weihnachtsfigur aus Seiffen, die Tiefseeaugen auf mich gerichtet. Du kennst meine Schwäche für zuvorkommende Leute, trotzdem mußte ich lächeln. Er wartete, bis ich meine Sachen zusammen hatte. Der Wolf bewegte die Vorderpfoten. Bevor ich das Licht ausschaltete, sah ich, wie Barrista Wachs über den Handrücken rann und vor der Schnauze des Wolfs auf die Dielen tropfte. Ich schob mich an den beiden vorbei, öffnete die Tür zum Vorraum, dann die zum Flur und tastete nach dem Schalter.
   »Warum glauben sie mir nicht?« fragte er und hob die Kerzen höher. Seine Augen schwammen auf mich zu. »Sie müssen sich nicht rechtfertigen«, sagte er. Außer dem Klacken des Schalters tat sich nichts. Ich war beschämt und wütend, letzteres umso mehr, da mir bereits Freds Schwafel-Ausreden im Ohr klangen.
   »Im Osten habe ich schnell gelernt, auf alles vorbereitet zu sein.« Wieder deutete er eine entschuldigende Verbeugung an, weil er mir nicht den Vortritt ließ. »Es ist eine Kunst, mit den Leuten umzugehen, wirklich eine Kunst.« Lieber zog er seine Schulter hoch, als sich von mir die Collegemappe abnehmen zu lassen. Unbeirrt humpelte er vor mir her, die brennenden Kerzen hielt er so weit es ging vom Körper entfernt. »Auch das Arbeiten will gelernt sein, da machen sie bloß keine Ausnahmen.« Barrista kam mir zuvor und öffnete mit dem Ellbogen die Haustür. Der Zugwind löschte die Flämmchen. Hans Clemens von Barrista jedoch ging in dem matten Laternenschein weiter, als sei noch immer er es, der den Weg erleuchtete. Nach ein paar Schritten begann die Glocke der Bartholomäikirche zu schlagen. Das bedeutete, im nächsten Augenblick würden die Laternen abgeschaltet. Ein kurzes Flackern, und die Nacht hatte Barrista und seinen Wolf verschluckt. Eine Weile lauschte ich seinen Schritten und dem englischen Singsang, rief ihm zweimal »Auf Wiedersehen!« hinterher und glaubte, jeden Moment das Licht seines Autos zu sehen. Es blieb dunkel, und nach dem letzten Glockenschlag war es überall still.
   Ich schlief wie ein Stein.
   Als ich in die Redaktion kam, wußte Jörg bereits alles und fragte, wie ich denn Barrista fände. »Speziell«, sagte ich und wollte mich verbessern. Du weißt, ich mag dieses Wort nicht. Es hat etwas unangenehm Herablassendes und ist mir in seiner Schwammigkeit zuwider. Doch Jörg stimmte mir bereits zu. »Speziell« wäre vielleicht der beste Ausdruck. »Wie auch immer«, sagte er an Georg gewandt, »Barrista will uns. Uns und niemanden sonst!«
   Jörg war gegen acht in den »Wenzel« gefahren, wo er Barrista tatsächlich beim Frühstück getroffen und mit ihm gemeinsam »ein Ei geköpft« habe, wie er sich ausdrückte. Barrista hätte sich die ganze Zeit über die anderen Gäste lustig gemacht und ihre Sprechweise nachgeahmt. Er sei nicht ungebildet, und was er vom Erbprinzen erzählt habe, lasse ihn, Jörg, bei aller gebotenen Vorsicht mit Interesse und Neugier der Visite des alten Herrn entgegensehen. Der einzige Vorbehalt auf Seiten Barristas sei ein »vernünftiger Wahlausgang« gewesen. Als Fred auftauchte, wollte ich ihn zur Rede stellen. Er aber machte auf der Stelle kehrt, ließ die Türen hinter sich offen und – schaltete das Licht an. Der Flur erstrahlte in nie gekannter Pracht. Fred behauptete, er habe die Glühlampen bereits gestern vormittag ausgewechselt, was auch alle außer mir bemerkt hätten ...
   In der Hoffnung, daß wenigstens Du mir glaubst!
 
   Dein E.
 
 
[Der vorliegende Text ist ein Auszug aus einer frühen Fassung von Ingo Schulzes Roman Neue Leben, der im Herbst 2005 im Berlin Verlag erschienen ist.]
 
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