Lose Blätter. Zeitschrift für Literatur
 

Aktuell

Inhalt
Hefte
Sonderhefte
Autorenregister

Special
Marcel Beyer
Durs Gruenbein
Michel Tournier

Presse

Bezug
Bestellung
Bibliotheken

Kontakt

Uljana Wolf
Eine Reise
  Heft 18
 
Es könnte so gewesen sein: Eine zwiebelförmige Geschichte. In einem Land ein Haus, in dem eine andere Sprache gesprochen wird. Jemand in diesem Haus, der eine andere Sprache spricht als das Land und das Haus. Das wäre: Eine Geschichte, die sich nicht schälen ließe, um erzählt zu werden.
   Rücklichter, sagst du, und mir fällt nur der blonde Strom ins Auge: Die Gegenfahrbahn, ob das eine Richtung ist? Aber du verrätst nie, wohin ich uns fahre. Wir sind zu spät zu einer Hochzeit gekommen, nur die Blumenköpfe liegen noch vor der Kirche. Ob ich schneller gefahren wäre, wenn ich es gewußt hätte? Du hebst ein Blatt auf und hältst es mir an die Lippen. Diese Rücklichter. Wir werden zu keiner Hochzeit mehr fahren. Wir werden anhalten, wenn es uns dort gefällt. Dort ist, wo es uns gefällt. Ich hätte das nicht genannt: eine Reise. Ich hätte gedacht, das muß eine andere Farbe haben, wie das Aufblühen der entgegenkommenden Lichter.
   Ich wohne auf der linken Seite des Hauses, im obersten Stockwerk, aber es ist noch nicht hoch genug. Meine Tür läßt sich nicht schließen. Der Boden im Zimmer ist aufgebäumt von dem, was man hier nicht Wetter nennt. Man sagt: Regen. Das bedeutet hier etwas, das von unten nach oben wächst, das auf dem Land liegt wie eine feuchte Haut. Sie buckelt sich bis zu mir – ich schlafe noch nicht hoch genug.
   Ich vergesse, daß ich fahren gelernt habe, um irgendwo anzukommen. Ich gewöhne mich an das Hupen, wenn wir wieder an einer Kreuzung stehen, und die Entscheidung auf sich warten läßt. Ich werde nicht mehr nervös, ich wechsele die Spur, die Straße, die Richtung auf deinen Zuruf. Ich lerne fahren. Du lernst die Landkarten nach Namen lesen. Wir suchen die Orte nur noch auf, wenn sie klingen. Einmal sind wir tagelang dem Vokal A hinterher gefahren.
   Dieses Haus hat drei Stockwerke, in denen ich allein bin. Im Keller wohnen zwei, die sind keine Brüder. Sie versuchen, dem Regen zu entgehen. Aber auch unter der Erde ist es noch nicht tief genug, manchmal schleicht sich über die Treppe ein Rinnsal ein. Vielleicht sind sie Maler. Ich besuche sie jeden Tag, um ihre Arbeiten zu sehen. Ich weiß, daß sie einander anschauen, bevor sie malen. In ihren Gesichtern ist etwas, das dem Menschen vom Vogel bleibt: Die Linien eines Flügels, der sich für Sekunden abhebt vor der unbestimmten Farbe eines Himmels.
   Oder ich reise einmal ohne dich, mit wem spreche ich dann? Ich werde eine Geschichte erzählen, die um ein Wort kreist, zum Beispiel: Haus. So, wie ich mich immer auf dieselbe Art in ein Bett legen werde ohne dich: Um mich zu erinnern, um einen Weg einzukerben ins Laken, damit ich ihn wiederfinde, diesen einsilbigen Schlaf.
   Wir erinnern uns durch die Farben. Einmal ein räudiges Braun in der Dämmerung. Dieses Dorf sollte ein Schlafplatz werden, aber bei jedem Schritt bellten uns die Hunde unser Fremdsein entgegen. In einer halbgeöffneten Tür der schwere Bauch eines Bauern. Du sagst, du hättest in seinem Gesicht keine Augen gesehen, nur Löcher in einem Zaun, durch die uns das ganze Dorf beobachtete. Neben den Hunden fand dieses Schweigen Platz: Angstgefleckt, die drahtigen Haare aufgestellt bis in den letzten Winkel jeder Scheune.
   Wir verlassen das Haus, um den See zu suchen. Zu dritt über die Gleise hinweg, und die beiden, von denen ich denke, daß sie doch Brüder sein müßten, schauen nach keinem Zug. Zuerst finden wir Schnecken. caracol. Dann lernen wir die Kreise. caracol. caracol. Später eine Abwesenheit: Nacktschnecke, ich nenne sie: caracol sin casa. Die beiden lachen, sie rollen ein Wort aus auf ihrer Zunge, ich fange es ein. Ich gebe dem Namen ein anderes Bild. Ohne Haus und schwarz sind die Augen des kleineren Mannes. Im Keller wohnt er wie ein hereingewehtes Blatt, dünnwändig und noch den Wind im Nacken.
   Jedesmal, wenn ich den Motor anlasse, denke ich, daß es erst jetzt beginnt. Du lachst, wenn ich dich frage, wohin wir als nächstes fahren. Aber ich, die Hand noch am Zündschloß: Muß ich die Straßen nicht als Richtung begreifen, von Vokal zu Vokal? Du beugst dich zu mir und sagst leise: Der alte Mann, der uns am späten Nachmittag begegnete, weißt du noch? Wir grüßten, wir lagen weich auf Moos, und er antwortete: Heute bin ich zu spät losgegangen.
   Bis zum Abend bleiben wir am See. Große Steine kauern nahe dem Ufer in den Wiesen. Jeder von uns wählt einen von ihnen, dann warten wir, bis nur noch Schemen auffliegen. Die Luft ist blauer Brokat, schwer und süß, wie mein Nacken, der jetzt in deinem Schoß liegt, während ich dir von einem See erzähle. Wenn wir uns an diesen Abend erinnern auf langen Fahrten, in welcher Farbe?
   Sie sind keine Brüder, fragst du, und ich kehre in das Haus zurück wie in eine Ankunft. Wer weiß denn das schon. Meine Sprache sprechen sie jedenfalls nicht. Der größere von beiden bewegt sich mit den langen Gliedern eines jungen Tieres. Wenn er malt und schweigt, kann ich ihn lesen. Unter der straffen Haut des Gesichtes weisen die Knochen versförmig den Weg zu den Augen. Seine Augenart hat er von den Frauen Marokkos gelernt: Lider wie Schleier und dunkelhäutiger Berberschmuck die Wimpern.
   Ich frage mich, ob dieser alte Mann, der zu spät war, eine Geschichte ist, die du erzählen würdest. Würdest du mit seinem Buckel beginnen, als reichte es nicht, daß er mit wildem Bart gerade so einen Waldweg entlang kam. Oder würdest du fragen: Wofür zu spät, und ihn antworten lassen: Dreizehn Stunden muß ich laufen jeden Tag ...
   Daß man sich den Kulissen immer von vorn nähern muß. Wir versuchen es mit einer Tropfsteinhöhle. Vor dem Eingang steht eine Schlange, wir setzen uns auf eine Bank, auf der anderen Straßenseite. Wir wissen beide, daß wir nicht mehr warten. Nach einer halben Stunde haben wir das Tal verlassen, und vom Bild bleibt wieder nur ein alter Mann, der neben uns auf der Bank saß und schweigend die Rückkehr seiner Familie aus dem Berg erwartete.
   Wir wissen nicht, wie das geht: Dreizehn Stunden jeden Tag. Meist sind wir schon vor Mitternacht müde. Davon, unsere Reise zu proben. Also keine Hochzeit, sagst du, wie wäre es mit dieser Bar? Es ist schon spät, die Stunde, in der das Lachen im Raum eine Landschaft bildet: Unzählige Eisbergspitzen, und was darunter ein Anlaß gewesen sein könnte, ist eingeschmolzen. Vielleicht kenne ich dich nicht und du sprichst eine ungewöhnliche Sprache. Du winkelst den rechten Arm vor dem Körper an, formst mit der Hand eine Kurve. Darunter die linke Faust wie ein Punkt. Ein Fragezeichen. Ich antworte dir meine leeren Hände – Bindestriche, und was ist darin gebunden. Wir geben uns unsere zu Zeichen gewordenen Körper, und unser Lachen, später, ist ein stummeres.
   Ich stelle mich abends vor das Haus und zähle die Fenster: Vielleicht fehlt etwas. Habe ich vergessen, dir ein Zimmer zu geben in diesem Haus, oder wolltest du gar nicht mitkommen? Ich versuche, mich an Geschichten zu erinnern, die du mir jeden Abend vorgelesen hast. Die um ein Wort kreisten. Zum Beispiel: Reise.
   Einmal diese Müdigkeit. Dann habe ich das Wort Haus vergessen und versuche, dir einzelne Wände zu erzählen. Wie diese Ruinen auf den Blättern der Maler im Keller: Die hatten noch Fensterhöhlen im Stein, und ich spielte Hinein- und Hinausschauen gleichzeitig.
   Vielleicht beginnt deine Geschichte auch dort, wo wir als einzige ein Zimmer in einer großen, sonst leeren Herberge bewohnen. Ich bin eingeschlafen, habe nicht bemerkt, wie du fortgingst. Als du dich neben mich legst, das Gesicht von Nachtluft kühl, weiß ich, du hast eine Reise gemacht.
 
 
[Mehr von Uljana Wolf? Siehe Register.]
 
 

Ulrike Draesner · Adolf Endler · Wolfgang Hilbig · Silke Scheuermann · Lutz Seiler · Jan Wagner · Peter Weber · Ron Winkler · alle ...

1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013