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Oliver Steinmann
Das Ereignis
  Heft 12
 
Als wieder einmal die Glocken zur Mittagsstunde schlugen, war das kleine Dorf in hellem Aufruhr. Es hatte sich an diesem Tag etwas ereignet, das ganz und gar ungewöhnlich, etwas, das niemals zuvor geschehen war.
   Der Morgen war noch normal verlaufen. Die Bäcker hatten ihr Brot gebacken, die Angestellten im Rathaus ihre Zeit abgesessen, die Handwerker ihre Aufträge entgegengenommen, die Bauern das Feld gedüngt, die Schuhverkäuferin genau ein Paar Schuhe verkauft, an einen Rentner mit seiner Frau, die Lehrerin in der Schule die Kinder gelehrt, wofür man Zahlen braucht, und die Hausfrauen hatten beschlossen, daß man mit dem Putzen noch einige Zeit warten könnte. Es muß etwa gegen fünf Minuten vor zwölf gewesen sein. Gerade hatte die Lehrerin zur Pause geläutet, die Handwerkermeister hatten ihre Lehrlinge zur Mittagspause gerufen, die Amtsleute ihre Zimmer verschlossen, kaffeetrinkend in ihren Amtsstühlen sitzend, und die Hausfrauen, die sich räkelten auf ihren Sofas, alles weitere bis hin auf unbestimmte Zeit verschoben, und die Schuhverkäuferin, die an diesem Morgen nur ein einziges Paar Schuhe verkauft hatte, an einen Rentner mit seiner Frau, hatte ihr Geschäft zur mittäglichen Pause verschlossen. Es war eine Zeit, in der die Arbeit ruhte. Kaum ein Laut war zu hören in dem kleinen Dorf. Also gerade in dem Moment der absoluten Stille, des völligen Nichtstuns ereignete sich folgendes Ereignis: Es klopfte, es hämmerte, es zitterte der Asphalt. Es dröhnte und krachte fürchterlich wie tausend Kanonen auf einen Schlag. Unter dem Rathaus, so schien es, pulsierte das Erdreich in gleichmäßigen Schlägen, erst fern, aber immer näher kommend, bis etwa um Punkt zwölf mit einem Mal alles wieder ruhig war. Unter den Feldern des Bauern G. war, wie dieser später berichtete, das Kreischen einer riesigen Säge zu hören gewesen, so als schnitte geradewegs jemand den Boden von unten her auf, doch war nichts zu sehen. Der Bäcker gab hinterher an, ihm sei es vorgekommen, als bewegte sich der Boden seiner Backstube unentwegt in alle Richtungen wie ein gewaltiger, gärender, blähender Teig.
   Die Schuhverkäuferin fürchtete um ihre feinpolierten Schuhe: es hätte jemand von unten her unaufhörlich mit spitzen Absätzen gegen den Boden getreten, und dem Pfarrer – er war noch ganz blaß – sei das schwere Messingkreuz direkt vor die Füße gefallen, fast hätte es ihn erschlagen, er wußte gar nicht, wie so etwas geschehen konnte. Die Handwerker hatten kaum etwas zu berichten.
   Ja, der Erdboden hätte zwar gezittert, ein Hämmern und Schürfen sei zu hören gewesen, wie eine riesige Fräse, ein Schlagbohrer, nur eben nicht von oben her, wie man es sonst kennt, sondern von unten her, aus dem Erdinnern. So schnell es gekommen war, war es auch schon vorbei. Um Punkt zwölf. Was dort geschehen war in der Zeit von mittags kurz vor zwölf bis um zwölf, wußte hinterher niemand mit Bestimmtheit zu sagen.
   Es ging so schnell, erinnerte sich Hausfrau M. später.
   Die Feuerwehr rückte an und fuhr wieder ab. Es war nichts zu sehen, kein Feuer war ausgebrochen, keine Überschwemmung eingetreten. Stillgelegte Kohleschächte gab es weit und breit nicht in der Gegend, und eine Unterspülung war ausgeschlossen. Auch war in den Nachbardörfern nichts dergleichen geschehen. Und da niemand, wirklich niemand in der Lage war zu sagen, was da genau gewesen war, kamen zuletzt die Sprengstoffexperten vom Militär. Spuren fanden sie nicht, denn nichts war ja zerstört worden, kein Fenster geborsten, kein Rohr geplatzt, kein Riß in einer der Häuserwände. Jemand meinte später, es rieche nach verbranntem Schwefel, was sich jedoch als unzutreffend herausstellte – Bauer F. hatte am Morgen Laub verbrannt, und die Asche glühte noch. Tage später fielen die Bodenproben negativ aus. Die Seismologen mit ihren Meßapparaturen hatten ebenfalls keine Erdstöße zu verzeichnen. Sie waren zuletzt, Tage später, nach mehrmaligen Messungen enttäuscht wieder abgerückt.
   Seitdem ist die Stimmung gedrückt. Man hat Angst, fürchtet einen Rückschlag.
 
 

Ulrike Draesner · Adolf Endler · Wolfgang Hilbig · Silke Scheuermann · Lutz Seiler · Jan Wagner · Peter Weber · Ron Winkler · alle ...

1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013