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Christoph Steven
Das Gastmahl
  Heft 11
 
Wenn wir uns wie jeden Tag nach Sonnenaufgang vom hellen Flirren der unendlich erscheinenden Ebene verlocken lassen, in zynischer Gelassenheit die Ferngläser auszuteilen, über die noch nachtkalte Oberfläche der in den Turm verbauten Felsblöcke erschrecken, unseren Blick nicht vom sanft hin- und herwogenden Sand losreißen können, schwanken zwischen dem schreienden Blau des Horizonts und dem steinernen Gleichmaß der Gebirgskette, so wird manchmal in der unbeweglichen Aussicht ein winziger Punkt sichtbar, der einen kurzen unschlüssigen Augenblick wieder verschwindet, so als wollte die Landschaft ihn verschlucken, plötzlich zielsicher auf uns zuhält, als sei es ein Wallfahrer, der unser bedürfte, und nicht wir diejenigen, die all unser Streben auf ihn konzentrieren.
 
Seht nur, er hat sich verirrt, pflegen wir zu sagen, klatschen ein paar Mal in die Hände, während einer von uns die Diener mit Versprechungen lockt, so daß sie die Köche aus ihren Hängematten zerren und kleine Steinchen gegen die Fenster des seit Tagen schlafenden Personals werfen. Kurze Zeit später tönen hektische Kommandos aus spaltbreit geöffneten Türen, halbangezogene Männer und Frauen hetzen durch Flure und Zimmer, und die ersten Putzeimer ergießen sich stromschnellengleich über die Treppenstufen. Zum unverkennbaren Surren der angesprungenen Heizung schwärmen Handfegerkolonnen in die noch dunklen Zimmer, während die Zurückgebliebenen darauf warten, die verstaubten Laken von den Möbeln zu reißen und Spinnweben von Decken und Tischen zu pflücken.
   Vorräte werden in Körbe und Eimer gestopft und müssen ausharren im langen Flur vor der Küche, wo die Köche schon Schürzen und Messer schwenken und auf ein Zeichen Gasherd und Ofen entzünden, so daß ihre Hände langsam weich und geschmeidig werden für Teig- und Kuchengerichte und sie sich vor Begeisterung am liebsten ihre hin- und herschwingenden Mützen vom Kopf reißen möchten.
   Als die Fackeln vor dem Haus wie auf ein Kommando angehen, um dem Gast in der permanenten Dämmerung die Orientierung zu erleichtern, werden im Erdgeschoß Anstand und Disziplin rekapituliert, und vor den Fenstern tauchen die ersten zufriedenen Gesichter auf, da wieder das unendliche Gelb alle Himmelsrichtungen beherrscht.
   Auf dem Kiesweg stürzen lautlos die eilig bestellten Aushilfen vorbei, um die Fassade mit großen Eimern und Rollen zu weißeln.
   In die Geräusche ausgeschüttelter Oberbetten mischen sich die aufgeregten Stimmen der Zimmermädchen, die Worte der Reisenden ohne Rücksicht auf ihren Wahrheitsgehalt mit der ihnen eigenen Nachlässigkeit aufwärmen. Auch wenn sie es noch so sehr leugnen wollen und vorgeben, eigentlich ihre Ehemänner und Freunde zu lieben, so sind unsere Frauen den Reisenden so sehr zugetan, daß sie selbst nichts davon wissen und sich verhalten, als stünden sie unter einem Naturgesetz.
   Sie betteln und belagern sie von Anfang an, steigen auf Tische, Bänke und die Schultern ahnungsloser Kavaliere, die freundlich um einen Gefallen gebeten werden oder schwingen sich mit ihren schmalen, ausgemergelten Körpern von Deckenvorsprüngen oder Kronleuchtern herab, um kopfüber fiebrig atmend ein paar Worte zu erbitten.
   Wer auf einer Abendgesellschaft eine Menschenmenge entdeckt, kann sicher sein, daß ein Reisender im Mittelpunkt steht, der Witze, Anekdoten oder sogar eine Geschichte zum Besten gibt. Bereits nach kurzer Zeit bittet man ihn, das Erzählte sogleich zu wiederholen, so daß der Reisende oft tagelang in einer Menschenmenge eingeschlossen wird, bis er trotz einer vorbildlichen Versorgung durch seine Zuhörer mit Wein und Brot mit einer ausgetrockneten Stimme und den langsamen Bewegungen eines Krokodils zum Ausgang kriecht. Die Zuhörer klammern sich nicht selten zu Dutzenden fest an den Körper, ziehen an seinen Haaren, reißen faustgroße Stücke aus seiner Kleidung oder graben ihre Fingernägel in das Fleisch seiner Arme. Noch Tage später kündet eine Blutspur auf dem Parkett von der manchmal etwas ungestümen Begeisterung unserer Zuhörer, stundenlang kann sich der Kampf hinziehen, bis endlich Sicherheitskräfte bemüht werden, die den Reisenden unter Aufbietung aller Kräfte aus der Menge herausziehen, ihm manchmal Beine und Arme verbiegen müssen und ihn mehrere Tage in Sicherheitsverwahrung halten, bis Gras über die Sache gewachsen ist.
 
Nur wenigen gelingt es zum inneren Kreis zu gehören, wo die Worte des Reisenden als das zu verstehen sind, was sie sind. Die meisten harren aus in der gemeinen Menge, erkennen den Reisenden nur noch undeutlich aus der Entfernung und erahnen Wortfetzen und Lautfolgen, die sie selbst ergänzen, damit sie überhaupt Sinn machen, so daß viele die Worte der Reisenden nur so wiedergeben können, als hätten sie sie selbst erfunden. Wenn wir aber gefragt werden, woran wir die Urworte erkennen, so wissen wir nicht zu antworten und wer uns auf den Kopf zusagt, daß es überhaupt kein Kriterium gibt, um Original und Fälschung auseinanderzuhalten, ist sicher von der Wahrheit nicht allzu weit entfernt. Es ist erwiesen, daß eine von uns selbst erfundene Geschichte der Reisenden, die wir wie zum Spaß unters Volk streuten, uns Wochen später in stark veränderter Form als Originalworte aufgetischt wurde, gleichwohl die Erzählung auch wahr sein konnte und durch einen ungewöhnlichen Zufall unserer Lügengeschichte ähnelte, obwohl eine Kleinigkeit oder eine unübliche Wortbedeutung zweifelsfrei unsere Handschrift trug.
 
Mittlerweile dampft auf den Tischen schon die Suppe wie bestellt, wir hocken wie ein Mann in den mit Stein ausgeschlagenen Speisesälen, Arme und Beine fest an Stühle und Tische gepreßt, unsere Körper in feinste Tücher geschlagen, die Augen starr auf die Tür gerichtet. Unsere Handbewegungen sind nobel und wir haben unsere besten Reden geübt, von denen wir manchmal glauben, daß wir sie nur den Fremden zu verdanken haben, manche haben sogar selbst daran gedacht, eine Geschichte zu erzählen, ein Ansinnen, das mit Fug und Recht als frech und anmaßend bezeichnet werden kann und dessen Ausführung bereits im Ansatz scheitern würde.
   Zuerst dachten wir noch, die ungewohnten Schreie der laternenschwenkenden Kundschafter wären eine Begeisterung, von der wir uns keine Vorstellung machen konnten, doch dann krachen schon Ferngläser gegen die Felswände, Glas splittert, vielleicht hat er einen Umweg genommen denken wir, vielleicht sollten wir warten, doch die ersten führen schon den Löffel zum Mund, ihm entgegengehen vielleicht, schon beginnen die ersten Gespräche, die Kundschafter kehren zurück, Sand in den Bärten, sie werfen den Umhang vom Körper, ziehen die Splitter aus ihren Händen und beginnen den Löffel in die Suppe zu tauchen.
   Wir zweifeln nie an unseren Beobachtungen, doch manchmal wirbeln Passatwinde, die sich in sich selbst verfangen, Staub auf und erweisen sich, blind für unser Schicksal, als nachsichtig, indem sie uns die Fata Morgana eines Reiters vorgaukeln.
 
So bleibt uns nichts anderes, als uns selbst die endlosen Geschichten der Reisenden aufzutischen, und wer es versteht, ihre Bemerkungen fast absichtslos in die eigene Rede einzuflechten, wird nicht ohne ein gewisses Maß an Stolz das ehrfurchtgebietende unruhige Flackern der Augen seines Gesprächspartners bemerken können, die nervös am Rocksaum abgestreiften schweißnassen Hände, den wie beiläufig erscheinenden Blick auf die Uhr und die fraglos mit den Worten der Reisenden einhergehende Einsilbigkeit des Gegenübers. Die baldige Verabschiedung des Gesprächspartners ist ihm gewiß, damit die soeben gehörten Worte des Reisenden weitererzählt werden. Natürlich müssen wir zugeben, daß unsere bescheidenen Mittel nicht ausreichen, wie die Reisenden zu sein, wenngleich wir uns selbst für einen scheinbaren, kaum wahrnehmbaren Moment vorgaukeln, selbst jener Reisende zu sein, dessen kaum wahrnehmbaren Schatten wir nur allzu oft in der unendlichen Ebene sehen.
   Am Morgen stehen wir nach einem kurzen traumlosen Schlaf gestiefelt und gespornt auf dem Turm und bemerken einmal mehr die noch von der Nacht kalten Steine, auf denen wir vielleicht nur einen Moment unser Fernglas ablegen, bevor wir es für den Rest des Tages an die Augen halten und uns wehmütig die Zeit des ersten Reisenden zurückwünschen, als man sich noch auf Besuche verlassen konnte, womit unsere Mütter und Väter in den vielen Variationen ihrer Erzählungen aufwarten konnten.
 
 
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1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013