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Matthias Ende
Unter die Haut
  Heft 10
 
Gesichter, Gesichtsformen, Gesichtsausdrücke. In denen ich untertauche. Für Augenblicke gerate ich mir aus dem Blickfeld, verliere mich, werde blind, bin weg. Im Anderen. Weiß nicht wo ich dann bin. Es sind Sekunden, dauernde Sekunden. Manchmal glaube ich, gerade dann wäre ich, obgleich ich es vergessen habe. Aber es ist nur ein Vorbeigehen. Ich gehe in den Gesichtern spazieren wie andere in einer Landschaft. Doch wo bleiben die Gesichter? Ich habe sie nicht gesehen, ich habe sie vielleicht doch nicht vergessen. Untergetaucht, aufgetaucht weiß ich nicht mehr wo ich war. Habe ich mich gesehen? Waren es Spiegel? Ich weiß es nicht, ich war weg. Und Wegsein ist anscheinend meine Leidenschaft. Hinter den Gesichtern war ich, gehe immer hinter die Haut der Gesichter, ich kann es kaum glauben noch feste, beschreibbare Gesichter vor mir zu haben. Ich gehe von einem Gesicht zum anderen. Kein Gesicht bleibt, ich bleibe auch nicht. Ich schwimme darin, ich bin ein Gesichtsschwimmer. Bin ein Gesichtstaucher. Es gibt darin nichts was ich festmachen könnten. Versuche ich es verschwimmt sogleich wieder alles. Ich merke nur, daß sich mein Gesicht entsprechend verändert, zumindest sagen das andere. Andere sagen immer „du schaust düster aus, jetzt lächelst du.“ Ich bemerke so etwas gar nicht. Ich sehe mich nicht und ich sehe auch nicht die Gesichter, ich bin irgendwo dazwischen, ich bin immer dazwischen, ich nehme auf und zwar Gesichter oder Landschaften, Blume Bäume Städte Straßen Häuser. Ich bin weder eine Blume noch bin ich Ich, ich bin also irgendwo dazwischen. Zwischen mir und dem Anderen was ich anschaue. Was mich erschreckt ist dieses Vorbeigehen. Ich ersehne das Gesicht das bleibt, die Landschaft die wiederkommt. Das gibt es nicht. Die Gesichter tauchen auf und tauchen weg, ich tauche auf und ich tauche weg. Es kommt mir wie ein Vergehen vor ein Gesicht beschreiben zu wollen, du kannst kein Gesicht beschreiben, du verfehlst es dann bloß. Tauchen sie weg, schiebt sich etwas dazwischen. So ist das. Ich schaue in die Gesichter, nein, ich schaue gar nicht in die Gesichter, sobald ich in die Gesichter schaue sind sie nicht mehr da. Aber sie kommen wieder. Und sie kommen in mir wieder. Auch das Meer kommt wieder, wenn du darin verschwunden warst, die Wellen dich mitgenommen haben und du nicht wußtest was geschah. Alles kommt wieder. In dir, und dann, ja dann kannst du sie sagen. Nachher, immer nur nachher.
 
 

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1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013