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Andrea Weibel
Das Foto-Album
  Heft 8
 
Lisa trank einen Schluck Kaffee und griff in die Kartonschachtel, die auf dem Tisch stand. Darin lag ein altes, kleinformatiges Foto-Album. Statt wie üblich vorgesehen Tomaten für den Sugo zu kaufen, hatte sie heute dieses Sammelsurium an vergessenen Erinnerungen erstanden. Ausgerechnet Lisa, die sich immer geweigert hatte, in den Ferien und beim Sonntags-Ausflug ein nettes Gesicht zu machen vor der Kamera, hatte dem Angebot des Trödlers nicht widerstehen können. Vielleicht war es nur das bunte Einbandpapier gewesen, das sie so fasziniert hatte. Es schillerte in Muschelrosa und Silber, glänzte in meerblauen Strukturen und verwaschenen Farben, die an nasse Steine am Strand erinnerten. Bestimmt hatte eine Frau das Papier angefertigt und das Album eingefasst. Lisa berührte das Buch beinahe ehrfürchtig. Die Oberfläche fühlte sich kühl und glatt an.
   Der Trödler Zweidler war ein alter Mann, der am Samstag Postkarten, Fotos und Bücher verkaufte. Er grüsste Lisa stets, wenn sie mittags rasch aus dem Museum hastete, um beim Bäcker an der Ecke ein Sandwich zu kaufen. Er habe etwas für sie, rief er ihr zu. In beiden Backen kauend schaute sich Lisa an, was Zweidler ihr unter die Augen hielt. Sie hatte bei ihm schon öfters kunsthistorische Bücher gekauft und schätzte seine fachmännische Beratung. Ein Foto-Album hatte er ihr noch nie gezeigt. Die Bilder von hübsch gekleideten Kindern und ihren breitgebauten Müttern erregten zwar kurz ihre Aufmerksamkeit, doch schien es Lisa, als ob sich dieselben Sujets endlos wiederholen würden.
   «Wissen Sie, Fräulein Lisa, als ich letzte Woche beim Stauffacherplatz die Wohnung einer alten Dame räumte, dachte ich an Sie, als ich die Fotos in diesem Album anschaute. Das Album passt ganz genau zu Ihnen, so wie die Goldkette, die Sie tragen.» Lisa konnte nicht nachvollziehen, was der alte Mann meinte, denn bisher hatte sie beim Trödler stets Werke über die italienische Renaissance gekauft, und als Kennerin alter Fotos hatte sie sich ihm gegenüber bestimmt auch nie ausgegeben. Sie versprach dennoch, am Nachmittag nach der Arbeit nochmals vorbei zu kommen. Zuerst mußte sie noch drei Schulklassen durch die Bildersammlung des städtischen Museums führen.
   Zweidler behauptete, die Dinge hätten eine Seele. Auch der Pflasterstein unter den Füssen. «Aber doch nicht ein Plastik-Sack aus dem Kaufhaus?» hatte sie gelacht, als er ihr das vor ein paar Monaten gesagt hatte. «Natürlich nur das Alte, das eine Geschichte hat, es spricht zu Ihnen, wenn Sie ein offenes Ohr haben für die Musik, die jedes alte Ding umgibt», hatte er geantwortet. Wie Zweidler liebte Lisa alte Dinge, nur zu Fotos hatte sie keine besondere Beziehung. Sie besass keine Kamera und weigerte sich, ihre Erinnerungen als Trophäen in einem Album oder in einem Schrank aufzubewahren. Nur damit sie am Schluss ihres Lebens bei einem Altwarensammler landeten. Fotos waren, behauptete Lisa, ein jämmerlicher Spiegel menschlicher Beliebigkeit. Die Bilder ihrer Kindheit lagerten seit jeher auf der soliden Bücherwand ihrer Eltern. Lisa hatte sich nie dafür interessiert.
   Aber als Zweidler ihr das Album in die Hände drückte und versprach, es werde ihr gefallen, hatte sie Lust, in der Vergangenheit zu schmökern. Erst auf dem Nachhauseweg kam ihr in den Sinn, dass sie die Tomaten vergessen hatte. Sie würde Dominik halt eine «Pesto» offerieren, denn davon hatte sie immer genug in Reserve.
   Lisa drehte das Album mit dem wunderschönen, bunten Einband aus marmoriertem Papier von einer Seite auf die andere und schlug es schliesslich auf. «1932» stand da in grossen Lettern geschrieben. Auf den ersten Seiten des Albums sah Lisa zwei Männer mit schnurgeraden Scheiteln und pomadeglänzenden Haaren, ausserdem war da ein Dackel, der auf einem Korbstuhl hockte, dann folgten die Aufnahmen von Mädchen, die allesamt weisse Kleidchen mit Spitzen am Saum trugen und Buben mit handgestrickten Pullovern. Die nächste Doppelseite zeigte sechs Bilder: Eine Gruppe junger Leute, die offenbar auf einem Ausflug oder in den Ferien waren. Zuunterst auf der Seite hiess es: «Samstag, 19. Juli, im Bleniotal».
   Wie bei einem Kinderspiel marschierten die jungen Menschen hintereinander, abwechselnd ein Mann nach einer Frau, die Hände auf den Schultern der vorderen Person, im Gleichschritt. Die Gesichter der Kamera zugewandt lachten sie, offensichtlich glücklich über den freien Tag. Das nächste Foto war eine Frontalaufnahme der Gruppe. Als Lisa die kleinste der jungen Frauen betrachtete, blieb ihr Blick im lächelnden, gelösten Gesicht hängen. Lisa spürte ein Brennen im Hals. Sie hielt das Bild nahe ans Licht und beugte sich über das Album. Die Frau auf dem Bild trug zweifellos ihre eigenen Züge. Sogar die Frisur war mit ihrer identisch. Die dunklen, glänzenden Haare waren streng aus dem Gesicht gekämmt und hinter den Ohren vermutlich mit einer Spange befestigt. Lisa zitterte, legte das Album auf den Tisch und umfasste heftig das linke Handgelenk. Sie versuchte, ruhig zu atmen, nahm eine auf dem Tisch liegende Zeitung zur Hand und begann zu blättern. Weil ihre Augen nichts erkennen konnten, liess sie das Blatt wieder sinken. Erneut nahm sie das schimmernde Album, fixierte das Gesicht, das ihres war und doch nicht, und prägte sich die Posen und die Mimik der glücklichen Frau im gestreiften Kleid ein. Sie hatte die gleichen dünnen Arme wie Lisa, «wie eine Spinne», hatte ihre Schwester immer gespottet.
   Ein blonder Mann mit wirren Locken hatte den Arm auf einem der Bilder um die Dunkelhaarige gelegt. Er trug einen doppelreihigen, hellen Veston und weite Hosen. Lisa hatte das Gefühl, diesen Mann zu kennen, zu wissen, wie er roch, wie seine Stimme klang und wie sich seine Finger anfühlten, die er auf einem weiteren Bild um die Hand seiner Freundin gelegt hatte. Lisas Blick wanderte zwischen den beiden hin und her und erkundete die Gefühle, die sie verbanden. Was zwischen den beiden war, war tief und gut, das spürte sie. Schmerzlich wurde ihr bewusst, dass das Bild die Hälfte ihrer Wirklichkeit war. Diesen Mann mit dem hellen Haar – ihn gab es nicht in ihrem Leben. Dominik würde in wenigen Minuten bei ihr läuten. Dominik, den sie doch eigentlich gern mochte. Trotzdem, wie auf dem Bild war es nie gewesen zwischen ihnen.
   Als er kam, sass Lisa noch immer über dem Album. Doppelgänger gebe es immer wieder, meinte Dominik lachend und machte sich daran, die Spaghettis zu kochen. Letzthin habe ihm einer auf der Strasse nicht glauben wollen, dass er nicht sein Versicherungsagent sei. Lisa stocherte appetitlos in ihrem Teller und nickte. Eigentlich hätten sie am kommenden Tag zusammen eine Velotour unternehmen wollen. Lisa sagte ab. Sie wartete auf einen Samstag wie damals, 1932.
 
 

Ulrike Draesner · Adolf Endler · Wolfgang Hilbig · Silke Scheuermann · Lutz Seiler · Jan Wagner · Peter Weber · Ron Winkler · alle ...

1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013