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Birger Dölling
Editorial
  Heft 8
 
Es ist 1999. Es ist Frühling. Es ist Krieg.
   Die Langeweile ist besiegt. Oder vielmehr: sie hat gesiegt. Eine latente Begeisterung wirbelt unter der Oberfläche. Es passiert etwas auf der Welt, und es passiert in Europa – unter Beteiligung deutscher Soldaten. Deutschland ist Kriegspartei. (Deutschland ist Kriegspartei!) Das ist Nervenkitzel. Der Bedarf ist da. Der Markt an Kriegsspielen und Gewalt verherrlichenden Filmen zeigt es. Um es klarzustellen, nicht etwa setzen diese Spiele oder Filme Gewalt frei oder verursachen sie erst. Diese Kausalität, wenn es sie denn gibt, ist von ganz marginaler Bedeutung; man beobachtet sie nur in ganz außergewöhnlichen Fällen, die die Presse eine Zeitlang beschäftigen. Nein, das Bezeichnende an dieser Marktlage ist, daß solche Filme und Spiele nachgefragt werden. Es dürstet junge Menschen nach Gewalt, es dürstet sie nach Thrill in der gesetzten, lethargischen Welt, in die sie hineingeboren sind. Abenteuer ist ihnen nur aus der Geschichte bekannt; das heimliche Verlangen danach verbindet sich mit dem untergründigen Makel, nie etwas geleistet zu haben, nie etwas geleistet haben zu können, weil die Bewährungen, von denen die Alten – sei es voll Abscheu – sprachen, nicht mehr waren auf dieser Welt. Sie sind wieder.
   Gewiß, Jugoslawien ist kein Kriegsspiel. Der Tod ist echt, nicht nur der Tod des Feindes. Aber Jugoslawien begeistert. Wer kämpft, der wird von Überzeugung getrieben; aber Abenteuerlust, Geltungsdrang und Selbstwertzwang finden daneben ihren Platz. Ein Narr, wer glaubt, daß Menschenrechtsverletzungen der Grund seien für die Expedition der NATO. Der potentielle Einsatzraum der NATO wäre unbegrenzt, ginge es nur darum. Menschenrechtsverletzungen und Völkermord zu finden, ist nicht schwer. Selbst in Europa, wenn ein solches Argument notwendig ist.
   Gegenstand journalistischer Erörterung ist dies kaum. Wenn die Presse Zweifel hat, so gibt sie sie nicht zu erkennen. Sie betreibt, im wahrsten Sinne des Wortes, Kriegsberichterstattung – und ausschließlich das. Sie ist, ungewollt zwar, Bestandteil einer ungeheuren Maschinerie, die niemand steuert, die aber alle in Bewegung halten. Die Lüge grassiert – ihr zuzusehen ist ein Grauen, daß alles Denken und Hoffen erdrosselt. Im Bemühen um objektive Berichterstattung klammert sich die Presse an das, was sie für Fakten hält, weil sie Vermutungen nicht zu äußern wagt. Sicher, nichts von allem, was man der NATO vorwerfen mag, ist beweisbar. Niemand kann beweisen, daß es etwa darum ginge, westlichen Einfluß in Osteuropa zu manifestieren und Rußland weiter zu isolieren. Berichtet wird, was Quellen hergeben – und Quellen, das sind die Organe der NATO und ihrer Mitgliedstaaten. Indem die Presse die herrschende Meinung der westlichen Welt kolportiert, ist sie ein Opfer ihres Objektivismus.
   Zweifel, wenn sie denn geäußert werden, finden allenfalls Platz auf den hinteren Seiten oder im Feuilleton. Jedoch auch dort ist die fast restlose Einhelligkeit unerwartet und bedrückend. Ein Beispiel mag für viele stehen. In der Süddeutschen Zeitung vom 1. April 1999 spricht Ulrich Beck von einem «militärischen Humanismus» und versucht, das Mandat der NATO mit einem Vorgriff auf die europäische Einigung zu begründen, die die Gewalt im Kosovo förmlich als Bürgerkrieg unter Europäern erscheinen läßt, der das Eingreifen zentralstaatlicher Gewalt erforderlich macht. Die Luftangriffe der alliierten Streitkräfte deutet Beck als Zeichen von Weltbürgertum und Aufhebung nationalstaatlicher Grenzen. Diese Perfidie macht sprachlos. Sie sucht die Friedensbewegung mit ihren eigenen Argumenten zu schlagen – um von Waffen nicht zu sprechen.
Es ist 1999. Es ist Völkermord. Es ist Ratlosigkeit.
   Was man versäumt hat in Europa, das sucht man nun herbeizubomben. Die Frage, wie die Gewalt im Kosovo beendet werden kann, entzieht sich der Antwort. Europas Intelligenz umkreist sie und findet doch keinen Zugang zu einer Lösung. Die Pragmatiker halten das Ruder in der Hand; mangels besserer Ideen wird die Ratlosigkeit niedergemetzelt.
   Die Zeit, die noch Alternativen bot, ist vorüber; Prävention kommt zu spät im Kosovo. Aber sie kommt nicht zu spät für diese Welt. Prävention können Staaten betreiben, aber Prävention ist auch zuvörderst Aufgabe jedes einzelnen. Weltbürgertum im wahren, nicht im pervertierten Sinne ist gefragt.
   Niemand glaubt mehr, zu Recht, an die segnende Wirkung des Wissens allein. Zu weit geht es, wenn Albert Camus vom an sich guten Menschen spricht und behauptet, nur die Dummheit sei Quell alles Bösen dieser Welt. Aber es läßt sich, bei aller Überspitztheit dieser Aussage, eine Wahrheit aus ihr ziehen: Unwissen kann noch jede von gutem Willen gelenkte Handlung zu furchtbaren Wirkungen führen.
   Vorurteile sind notwendig, heißt es; sie ermöglichen effektiven Ausgleich von Wissenslücken, Lücken im Wissen über Menschen, Denken und Kulturen. Diese Lücken mit Wissen zu schließen, schien bisher unmöglich; man nahm an, weil das menschliche Gehirn nicht in der Lage sei, schnell genug Informationen zu verarbeiten, die dieses Wissen produzierten. Die Verarbeitung dieser Information würde das tägliche Leben behindern und zum Erliegen kommen lassen; eine Ersetzung durch die Aneignung allgemein verwendbarer Vorurteile, Schemata, Typisierungen sei für das Funktionieren des menschlichen Gemeinwesens unabdingbare Voraussetzung. Aber es ist nicht die Unvollkommenheit des menschlichen Gehirns, die Unwissen und Falschwissen den Boden bereitet; es ist die Unvollkommenheit der Medien, die ihm als Informationslieferanten dienen – der Medien nicht nur im Sinne der Institutionen Presse und Rundfunk, sondern im Sinne von technischen Konzepten.
   Mit Recht bemängelt Claus Koch, ebenfalls in der Süddeutschen Zeitung, daß die durch «funktionierende[n] Kapitalismus und gute Demokratie» erfolgte Anhebung des Bildungsniveaus der Massen für die meisten in einer Halbbildung steckengeblieben sei. Fehl geht er freilich, wenn er die Authentizität als Ersatz für unerreichbare Bildung, als «bequeme Autorität für die Schwachmütigen» abtut. Das Zeitalter der Authentizität ist nahe, und es wird die Bildung beflügeln.
   Presse und Rundfunk in ihrer überkommenen Form haben ausgespielt. Ihre zwei Aufgaben: die Informationen dieser Welt den Menschen in die Nähe zu bringen, um sie überhaupt aufnehmbar zu machen, und diese Informationen zu filtern, um sie der begrenzten menschlichen Aufnahmefähigkeit anzupassen, stehen in einem traditionellen Widerspruch. Der Filter Mensch, als Zwischenglied zwischen Informationssender und Informationsempfänger, ist der größte denkbare Verlustfaktor. So war und ist objektive Berichterstattung niemals möglich; ja, sie ist eine Absurdität an sich, weil der objektive Mensch nicht existieren kann – er müßte den umfassendsten Erfahrungshorizont besitzen und zugleich den eines jeden Individuums.
   Dieser Widerspruch war hinnehmbar, er mußte hingenommen werden, solange die klassischen Medieninstitutionen Presse und Rundfunk monopolartig das aktuelle Wissen dieser Welt verwalteten. Das Monopol ist gefallen. Die weltweite Verbreitung von Information ist Privileg jedes einzelnen geworden. Das Internet ist das authentische Medium schlechthin, und es ist nicht Feind der Bildung, wie es Claus Koch von der Authentizität ohne weiteren Versuch eines Beweises feststellen will, sondern es ist ihr Mäzen. Objektive Berichterstattung ist niemals möglich; und sie ist niemals erforderlich noch überhaupt wünschenswert. Voraussetzung für den Meinungsbildungsprozeß des denkenden Menschen ist subjektiv authentische Information in unbeschränkter Vielfalt. Um ihre Aufnahme zu ermöglichen, ist nicht Filterung erforderlich – sie ist ihr, mehr noch, geradezu abträglich -, sondern Strukturierung.
   Freilich, auch Menschen, die es besser wissen müßten, neigen dazu, geleitet durch phantastische und begeisternde Visionen die Grenzen des gegenwärtig Machbaren zu übersehen. Dabei geht es aber nicht primär um das technisch Machbare; das Internet als Infrastruktur ist in brillantem Zustand. Es gilt, die Technik auszufüllen durch sinnvolle Anwendung. Die Physiker haben ihr Werk zum größten Teil getan; es ist an den «Metaphysikern», den Strukturentwicklern, es fortzuführen. Vor ihnen steht eine Aufgabe, die schwierig scheint, aber zweifelsohne lösbar ist: die universale Völkerverständigung.
Schwierig ist es, den Bogen zu schlagen zu unserem aktuellen Heft. Aber es muß geschehen, denn auch die achte Ausgabe ist wieder eine ganz besondere. Das Thema, das diesmal das ganze Heft begleitet, ist die Photographie. Verschiedene Autoren haben sich den Ausstrahlungen dieses Mediums lyrisch, prosaisch und natürlich photographisch zu nähern versucht. Einige von ihnen haben wir auf den folgenden 23 Seiten versammelt. In der Hoffnung, die Lektüre möge Euch ungeteilte Freude bereiten, wünscht einen trotz allem heiteren Frühling
Birger Dölling
 
 

Ulrike Draesner · Adolf Endler · Wolfgang Hilbig · Silke Scheuermann · Lutz Seiler · Jan Wagner · Peter Weber · Ron Winkler · alle ...

1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013