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Rainer Wedler
Torso
  Heft 3
 
Die weißen Handschuhe hat sie nie ausgezogen.
   Das feine Nappaleder schmiegte sich so eng an ihre Finger, daß es die Falten der Gelenke abbildete, ja, die Adern des schmalen Handrückens traten ein wenig vergrößert hervor.
   Mehr habe ich von ihren Händen nie gesehen. Sie hat sie mir entzogen, mir, dessen Fingerfertigkeit sie genossen hat. Ich würde dieses Wort nicht benutzen, schon gar nicht, wenn es darum geht, mich selbst einzuschätzen, gar zu beurteilen. Sie hat es selbst gesagt, ich genieße deine Hände, die so unerwartet sind, diese Chamäleons, die sich an mich anpassen, die sich verwandeln können, von einer Sekunde zur anderen. Die sind schnell, so schnell, daß sie überall zugleich sind. Du tausendfingriges Ungeheuer.
   Nun, unser Anfang war in einem Winter, der so kalt war, so lange von klirrender Kälte, daß selbst als winterhart geltende Gehölze reihenweise erfroren. Zu Beginn des Frühlings standen sie in herbstlichem Braun. Die alten Heizkörper meiner nicht gerade komfortablen Wohnung schafften es nicht mehr, eine Wärme zu erzeugen, die völlige Nacktheit erlaubt hätte. Ob es daran lag, daß sie sich über die Jahrzehnte einen dicken, mehrschichtigen Farbmantel zugelegt hatten oder daran, daß sich der Kalk derart an den Innenseiten der Rippen abgelagert hatte, ich weiß es nicht. Am wahrscheinlichsten ist, daß die beiden langandauernden Vorgänge sich so ergänzt hatten, daß auch ein auf vollen Touren laufender Heizkessel es nicht schaffen konnte. Jedenfalls haben wir uns in diesem Winter nie ohne einen Rest von Kleidung geliebt. Ich hatte vielmehr einiges an Fertigkeit zu entwickeln, um mit Herzen, Mund und Händen überall gegenwärtig zu sein. Eine Überlistung der Restbekleidung.
   Der Sommer kam, als wollte er die Schäden des Winters wiedergutmachen oder Versäumtes nachholen, so früh und mit solcher Kraft, daß er die alten Leute, die die Kälte nicht geschafft hatte, nun doch noch ihrer restlichen Erdenhaftigkeit beraubte. Und dies so schnell, daß die Schmerzen keine Zeit hatten, sich ein letztes Mal in sie hineinzufressen.
   Die Brauereien waren nicht in der Lage, rechtzeitig ihre Bierbänke aufzustellen, was dazu führte, daß die sogenannten Biergärten einen so ungewohnten wie kuriosen Anblick boten. Überall saßen – vor allem junge – Leute in kleineren und größeren Kreisen auf dem Boden und versuchten, wenn sie nicht gerade daraus tranken, vor ihren Füßen, also zum Mittelpunkt der jeweiligen Kreise hin, ihren Bierkrügen einen einigermaßen festen Stand zu geben.
   Sie lag, darf man sagen: ausgebreitet? auf dem Bett. Ja, sie lag ausgebreitet, die Arme weit über den Kopf gestreckt, die Schatten ihrer Achsel, dieses feine Geflaum, dieser Zungenkitzel. Ihr weißer Körper reflektierte die Sonne, die ungehemmt in das Zimmer schien, sogar die Vorhänge hatte sie zurückgezogen. Nur die Handschuhe, sonst nichts, und die warfen das Licht nicht zurück, ihre weiche Oberfläche schien es zu schlucken. Sollte ich fragen, was soll das, die Handschuhe? Wie konnte ich. Ein Arrangement zerstören, das für mich gemacht war, dessen Idee ich aber nicht verstand. Wenn wenigstens die Vorhänge das Licht ein wenig gedämpft hätten, oder besser, wenn sie wenigstens die Rolläden bis auf ein paar Ritzen geschlossen hätte, dann hätte ich mich auf sie stürzen können, in sie.
   Die Distanz eines Marmorbildes hat ein Praxiteles überwunden. Und er hat dafür bezahlt.
   Sie will, daß ich sie neu erschaffe, Stück für Stück den weißen Stein behaue, ich muß mir Zeit lassen, weil ich keinen Fehler machen darf, ein Splitter zuviel kann die ausbalancierte Harmonie zerstören. Dabei ist alles Täuschung, meine Hände beschreiben nur längst Vorhandenes. Auf halbem Wege bleibe ich stecken, buchstäblich. Ende des Arrangements. Sie hält die Arme nach oben gestreckt, die Hände an den Messingstäben des Lotterbetts. Jetzt ist es fast ein Zitat. Ich komme schneller, ich kann nichts dagegen tun, Blasphemie ist ein Faktor der Beschleunigung. Ihr Achselnest glänzt schwarz, ich kann es schmecken. Sie zittert, dann geht ein Rütteln durch ihren Körper, ein Kampf, der nicht zu gewinnen ist. Endlich gleiten die Stäbe durch ihre Finger. Sie rutscht in sich zusammen. Jetzt hat sie die Augen geschlossen, weil sie sich ganz in sich zurückzieht. Ein spätes Nachbeben.
   Sonst war es ein anderes Spiel, das immer gleiche Spiel. Da stellte ich den weißen Marmor dar. Sie hat es nie ausgesprochen, trotzdem hatte ich es schnell verstanden. Sie betrachtete meinen nackten Körper mit sachlichem Interesse, mit kühlen Augen, aus der Distanz, gab kurze Anweisungen, wie ich welchen Muskel anspannen oder jenen loslassen sollte, ja, sie schreckte nicht davor zurück, Positionen zu fordern, die gegen die Natur sind. Letzte Korrekturen brachte sie mit den Händen an, die in diesen Handschuhen steckten. Die Kraft ihrer Hände hat mich immer wieder erstaunt. Erst wenn sie dann meinen Kopf so weggedreht hatte, daß sie mein Gesicht nicht mehr sehen konnte, war sie zufrieden. Sie sagte dann immer: jetzt ist es gut. Ich wußte, daß ich in dieser Stellung einige Zeit verharren mußte. Sie betrachtete mich, ich mußte es gar nicht sehen, ich wußte es, sie betrachtete kühl meinen Körper, jede Falte, jeden Muskel, wie mir das Haar in den Nacken fällt. Ich hörte endlich, wie sie sich auszog. Dann versuchte sie das, was sich da an meinem Körper verändert hatte, in den Griff zu bekommen oder auf andere Art in den ursprünglichen Zustand zurückzuführen. Dabei verlor ihr Blick jede Distanz.
   Überhaupt, wer trägt denn heute noch Handschuhe, weiße Handschuhe? Ich bin sicher, draußen im anderen Leben, da trägt sie keine Handschuhe. Im tiefsten Winter vielleicht, aber keine weißen. Ich kenne dieses andere Leben nicht. Ich weiß nichts. Die unausgesprochene Abmachung war, nicht zu fragen, es sollte nichts geben, was über diesen geschlossenen Raum hinausging. Nur der Anfang war draußen, irgendwo hatten wir uns ja treffen müssen.
   Der Zufall, was sonst. Ein Blick trifft einen anderen auf der Brücke, die über das feste Eis führt. Der Übermut, auf dem Eis zu schlittern, die Steine singen zu lassen. Dann ist sie eingebrochen, am Rand, wo das Eis dünn ist und brüchig, an der offenen Naht zwischen Ufer und Fluß. Das Wasser ist hier flach, Schwemmsand. Es ging ihr bis zu den Knien. Sie hat die scharfe Kante des Eises gespürt. Als ich sie herauszog, waren ihre Handschuhe kalt und glitschig. Sie schien sich deshalb zu schämen. Es war keine Frage, daß der nächste Weg der notwendige war. Eine Unterkühlung hätte gefährlich werden können.
   Sie öffnete die Badezimmertür einen Spalt und schob mit dem nackten Fuß die Handschuhe durch, ich sollte sie doch bitte auf die Heizung legen, damit sie trocknen. Wehrlos war ich dem ausgesetzt: wie das heiße Wasser ihren Körper einschließt, nur den Kopf freiläßt, wie das glatte Email ihre Haut quietschen läßt. Die Tür war nicht verschlossen. Ich stand da und starrte auf eine unverschlossene Tür. Endlich öffnete sich wieder ein Spalt, ob ich einen Bademantel oder etwas ähnliches hätte, ihre Jeans seinen völlig durchgeweicht, ich sollte ihr aber die Handschuhe geben, die seien doch sicher schon trocken. Waren sie nicht, wie sollten sie. Nappaleder saugt viel Wasser auf. Trotzdem, sagte sie, trotzdem möchte sie die Handschuhe haben. Das klang ein wenig rauh. Ich erklärte mir das damit, daß eine Erkältung so klingt, wenn sie sich gerade eingenistet hat. Die Handschuhe sind eine Marotte, der man sich fügen muß. Auch Marotten haben ihre Zeitlichkeit. Ein Irrtum, wie sich herausstellen sollte. Ich legte jedenfalls die klammen Handschuhe auf den Boden, sie tastete mit dem Fuß danach, rotlackierte Nägel, und zog sie geschickt hinein.
   Die Marotte hatte ich schnell vergessen, als sie mit einer Dringlichkeit, die mir bis zu diesem Augenblick unbekannt war, als sie mit einer dringlichen Eile zur Sache kam, ohne auch nur ein Wort zu verlieren. Dabei ging sie so vor, daß ein unbeteiligter Beobachter beeidet hätte, ich hätte sie geradezu bedrängt. Als sie den Bademantel so weit öffnete, daß er dem Mantel Mariens glich, da hatte ich für einen kurzen Augenblick das unsichere Gefühl, als wollte sie sagen, komm unter meinem Schutz. In Wirklichkeit sind wir übereinandergekommen wie ein Gewitter.
 
   Wir wissen nichts voneinander, weil wir wenig gesprochen haben, weil sie nichts von sich preisgab. Sie heiße Camilla, sagte sie danach. Ich bin heute sicher, daß sie nicht Camilla hieß.
   An einem Samstag im September jenes denkwürdigen Jahres fand ich ein Kärtchen auf meinem Bett, nein, sie hat es auf die Rückseite eines Reklamezettels geschrieben. Es war schön, es war gut, laß es so sein. Camilla. Sie hat die Handschuhe angehabt, weil die Buchstaben nicht glatt fließen, jedenfalls beim ß eine kleine Stockung. Allerdings kenne ich ihre Schrift nicht. Das C ist unwillig. Ich habe den Zettel wieder und wieder gelesen. Es ist bloße Interpretation, trotzdem, mir scheint, als ob das C eigentlich ein D oder ein E oder vielleicht ein G werden sollte. Die Rundung ist unsicher.
   Inzwischen sind einige Jahre vergangen. Die Bitterkeit ist gewichen. Die Geschichte ist zur Episode geworden. Erinnerung an das marmorne Zeitalter.
   Ein Zufall, wieder der Zufall hat das Geheimnis der weißen Handschuhe gelüftet, ich kann mir das wenigstens einbilden. Ein befreundeter Kunsthistoriker hatte mich in die Ausstellung der Eleonora Gorcia mitgenommen, Künstlername, versteht sich, mußt du nicht kennen, sie ist es aber wert, daß du sie kennenlernst, ist eine der kommenden ganz großen Bildhauerinnen, arbeitet zwar konventionell mit Marmor, dabei aber sehr originell, sehr sensitiv, hier dieser Torso! Mir fiel sofort auf, daß nur männliche Plastiken ausgestellt waren. Wie wenn der Freund meine Gedanken erraten hätte, meinte er, ja, das ist ihre Obsession, Männer, nichts als Männer. Dabei ist auffällig, daß es ihre Körper sind, die sie interessieren, die Köpfe, die Gesichter sind eher belanglos, meist sind es deshalb auch Torsi. Sie arbeitet besessen und hat panische Angst, ihren Händen könnte etwas passieren, das geht so weit, daß sie sich weigert, jemand die Hand zu geben, sogar dem Ministerpräsidenten hat sie sie neulich erst verweigert, als sie den Großen Staatspreis erhielt. Aber du weißt ja, Marotten gehören zum Image.
   Als wir uns am Ausgang verabschiedeten, sagte ich: Camilla, sie heißt Camilla.
 
 

Ulrike Draesner · Adolf Endler · Wolfgang Hilbig · Silke Scheuermann · Lutz Seiler · Jan Wagner · Peter Weber · Ron Winkler · alle ...

1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013