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Birger Dölling
Nehmen wir den Diskurs wieder auf!
  Heft 1
 
Heimat, 9. Teil. Wer kennt ihn, diesen Film? Es ist keine Wissenslücke, es sei nur kurz erwähnt, dass es sich, bei Heimat im allgemeinen und bei diesem Teil im besonderen, zweifelsohne um das Werk romantischer deutscher Geschichtsdarstellung handelt, beeindruckend, anziehend, wunderschön und abstossend, grausam verzweifelt zugleich. Er hat nicht die Idee gebracht zu diesem Projekt, denn sie ist langsam gewachsen, wie es sich für derartige Ideen ziemt, er war die finale Causa. Er drückte das Lebensgefühl aus, das erstrebenswert schien, das es wert schien, es zurückzuholen aus der Vergangenheit und lebendig zu machen in einem, wer weiss wie geeigneten Medium.
   Und so sollte diese Zeitschrift ursprünglich im Untertitel die Worte Romantik und Idealismus führen. Allein, es wurde davon Abstand genommen. Man kann dieser Zeitschrift nicht vorschreiben, wie sie sein soll, was sie sein soll, darüber hinaus – man kann es nicht beschreiben. Kann es nicht in zwei Worte fassen, Romantik und Idealismus, denn die sind zu eng auf der einen, zu weit auf der anderen Seite, missverständlich obendrein und decken am Ende ein ganz anderes Bedeutungsfeld ab, als diese Zeitschrift nach ihrer Intention verlangte.
   Die Jugend diskutiert nicht mehr. Zumindest nicht über Kunst und Gesellschaft. Hat sie es je getan?
   Will man Stefan Zweig Glauben schenken, der sich und seinem Gefühlszustand durch Die Welt von gestern ein zeitloses Denkmal setzte, oder Robert Musil, der seine Verwirrungen des Zöglings Törleß in einmaliger Weise für die Nachwelt festhielt, um hiermit nur die in diesem Jahrhundert für diese Frage entscheidenden zu nennen, so wird man sagen müssen: sie hat; – hat es getan nicht nur in dem Kreise, den die Aura des künftigen Schriftstellers, Künstlers umgab, nein, auch im Kreise derer, denen man Vulgarität zusprechen mag und Unsensibilität. Wieviel Zeit ist vergangen seit diesen? Ein Jahrhundert? Nicht einmal. Doch was für eine Zeit! Eine Zeit, die Ödön von Horváth durch sein alter ego in Jugend ohne Gott sagen lässt: «Die Buben lesen alles. Aber sie lesen nur, um spötteln zu können. Sie leben in einem Paradies der Dummheit, und ihr Ideal ist der Hohn. Es kommen kalte Zeiten, das Zeitalter der Fische.»
   Allerdings, nach dem achten Schnaps spricht der Lehrer dies, umfangen von den sanften Armen des Geistes, gibt er uns Hoffnung damit?
   Der kulturelle und gesellschaftliche, im weitesten Sinne romantische Diskurs der Jugend ist tot. Er ist kein Ding, das sich schaffen lässt, wie man ein Haus schafft oder eine Vase. Er schafft sich. Wohl, er wird durch anderes geschaffen, das man im einzelnen zu erkennen vermag, doch nie in seinem grossen Zusammenhang, und nie wird man alles zusammenbringen, was es für ihn braucht. Er schafft sich. Schlecht kann man ihn lenken, denn dazu bedürfte es zunächst, dass man ihn und seine Einfliessungen verstünde.
   Alle Zutaten zusammen ergeben noch kein Ganzes. Man kann sie bereitstellen, günstige Bedingungen schaffen, und dann – kann man zusehen, abwarten was geschieht, hier und da eingreifen und korrigieren, letzten Endes aber wird der Prozess sich selbst steuern. Wenn er sich in die gewünschte Richtung wendet, hat man Glück.
   Diese Zeitschrift ist Zutat für diesen Diskurs. Auch auf sie trifft das zu, was über ihn gesagt wurde. Es wurden Zutaten ausgesucht, dabei nach Qualität Ausschau gehalten – inwiefern dies geglückt ist, wird dem Leser vorbehalten bleiben -, und bereitgestellt, es wurden Bedingungen geschaffen, die gut für Wachstum und Gedeih sein sollten. Man wird es sehen. Wird sehen, ob all dies etwas erweckt, was selbst Zutat und Bedingung ist für ein grösseres Ziel. Diese Zeitschrift ist Ansatz, ist Versuch.
   Das Zeitalter der Fische – hat es begonnen? Wenn es den Diskurs je gegeben hat, nehmen wir ihn wieder auf!
 
 

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1997 bis 2007 herausgegeben von Renatus Deckert und Birger Dölling · ISSN 1434-8306
© Lose Blätter und Autoren · Letzte Änderung: 8. Oktober 2013